Das Mamiversum (Oder: Kinderlose in weißen Hosenanzügen)

Das Mamiversum...

Hallo liebe Wolke,
kannst du weit schauen?
Eine Brille brauche ich noch nicht, mit dem Alter kommt das ja irgendwann, und wenn es soweit sein sollte, möchte ich eine halbe, die ich auf dem Nasenrücken ganz nach unten schieben kann, damit das mit dem strengen Blick ein bisschen besser funktioniert. Das kann ich nämlich nicht so gut. Vielleicht brauche ich aber auch noch keine Brille, weil meine Tochter mein Blickfeld erweitert. Das ist ein bisschen so wie ans Meer fahren und ganz weit schauen zu können, ohne dass einem Hügel oder Bäume oder Strommasten den Blick versperren; man sieht von der Welt etwas mehr, man spürt etwas mehr, wenn man eine kleine Hand hält.
Kinder können das.
Und irgendwie, ich weiß bis heute nicht wie das genau funktioniert – irgendwie sieht man von der Welt nicht nur mehr, sie wird anders. Manchmal kommt es mir vor, als sei ich vor vier Jahren in eine kleine Rakete gestiegen und hätte mich auf die Reise begeben. Nächster Halt: das Mamiversum.

Mamiversum

Mein Mamiversum ist manchmal wahnsinnig groß und manchmal sehr klein, oft regenbogenfarbenbunt und vereinzelt gewittergrau. Dort gibt es keinen straffen Bauch und pralle Brüste, jedenfalls nicht mehr, da könnte man (wenn man nicht gut genug auf sich selbst aufpasst) neidisch werden auf diejenigen der Damen, die ohne kleine Hände gern woanders leben, und die Schwangerschaftsstreifen für einen Makel halten, den man sich mit Disziplin vom Körper hätte halten können – hab ich mir zumindest neulich sagen lassen.
Was denken die denn? Dass man seinen Bauch mit magischen Formeln beschwören kann, spätestens im 6. Monat nicht mehr weiter zu wachsen, weil es offensichtlich schlecht für die Figur ist?
Dass ich meinem Busen hätte sagen sollen, jetzt lass dich mal nicht so hängen, nach dem Stillen?
Ich bin sauer.

Besserwisser

Einige von dieser Sorte, die in einer anderen Welt leben, die nicht ungewollt kinderlos sind und die einfach generell und zu allem eine ätzende Meinung haben, um ihr Chanel-Täschchen noch wertvoller zu machen, die können arbeiten und ausgehen wie es ihnen gerade so passt, und schlafen dürfen sie auch, was nicht nur der Haut sehr gut gefällt, sie wissen außerdem manchmal alles besser, denn sie haben den nötigen Abstand und urteilen über Erziehung immer eine Spur eloquenter als man selbst. Zumindest könnte man fast drauf reinfallen, wenn man die ungefragten Ratschläge vor die Füße gerotzt bekommt, weil sie die Gefühle nicht kennen, die in die Kindererziehung immer mit reinspielen; ein Urteil fällt sich leichter, wenn das Herz kein Wörtchen mitzureden hat. Oder das Gewissen.

Ich aber habe Falten, die gehen auch nicht mehr weg, da kann man sich gern ein bisschen angewidert wegdrehen, und sagen: Mach doch mal ’ne Kur!

Wieso werden Menschen nicht nach der Qualität ihres Herzens beurteilt?

Neid

Ich schaue gern aufs Meer und sehe ein bisschen weiter als bis zum Horizont, weil mein kleines Leben mich festhält. Manchmal, in sternenklaren Nächten kann ich sogar mein Mamiversum erkennen, von außen, da ist oft eine Menge los, das muss auch so sein, und ich werde nicht neidisch auf ein kinderloses Leben, das man mir auf mein Erdbeermarmeladebrot schmieren möchte. Häßlichkeiten werden nicht schöner, wenn ich mir überlege, dass sie womöglich auf das große Geschenk an meiner Hand neidisch sein könnten. 
Ja, verdammt, ich finde es ab und zu schrecklich in den Spiegel zu schauen; die Falten, die Runzeln, die Augenringe, die Schlaffheit. Immerhin brauche ich noch keine Brille. Und ja, ich denke mir hin und wieder, was habt ihr es doch gut, ihr schleppt keine Verantwortung durch die Gegend, die mit der Zeit schwer werden kann, ihr habt eure eigenen Probleme und müsst euch nicht um vollgeschissene Hosen kümmern, nicht darum, dass es zuerst einem kleinen Leben gut geht und dann lange nichts kommt, bis ihr euch ganz hinten in der Reihe wiederfindet, sondern setzt euch in den Biergarten und lasst die Sonne auf eure Arroganz scheinen bis sie ganz heiß wird.
Nein, ich bin nicht neidisch. Ich bin nur sauer.
Auf einige dieser Exemplare, die im weißen Hosenanzug und schwarzer Sonnenbrille und lässig um den Hals geschwungenen Tüchlein und hohen Schuhen vor mir stehen und mich auslachen wollen. Weil sie meinen, ein Kind wäre ein großes Manko, etwas überaus Lästiges, und alleinerziehen wäre das Verantwortungsloseste, das man einem kleinen Leben antun könnte. Es steht jedem frei, sich so oder so zu entscheiden, keine der beiden Seiten ist besser oder schlechter; Beleidigungen braucht’s nicht. 

Hoher Preis?

Dabei gibt’s doch gar nichts zu lachen.
Man sieht etwas mehr, man spürt etwas mehr von dieser Welt, weil ein Kind das schafft, mit seiner Liebe, die nicht zu bändigen ist und nicht gebändigt werden muss. Und meine Makel, die ich mit der Zeit bekommen habe, die waren nicht der Preis dafür, man muss dafür nämlich nichts zahlen, das ist eher eine Art Tausch: Das ist das Ticket ins Mamiversum.

Ja, liebe Wolke, die Reise durch das Mamiversum, die ist aufregend und anstrengend, sie hinterlässt ihre Spuren, vor allem auf der Seele. Und das sind gute Spuren. Jeder lebt in seiner eigenen Welt, hat seine eigenen Sorgen und ich maße mir nicht an, darüber zu urteilen, wer ein besseres und wer ein schlechteres Leben führt. Das wäre nämlich ganz schön kindisch. Aber die Wellen auf dem Meer noch in weiter Ferne klar sehen zu können, weil mein kleines Leben mir den Blick dafür geschenkt hat, das ist was ziemlich Gutes. Für mich jedenfalls. Auch ohne halbe Brille. Oder Chanel. 

Schönes Wochenende, meine Wolke!


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Kategorie Briefe an die Wolke, Gesellschaft, Mama sein

Hallo, ich bin Susanne! Ich erzähle euch hier als alleinerziehende Mama einer etwas „anderen“ Vierjährigen von unserem, oft, schrägen Alltagswahnsinn. Und ich möchte euch zeigen, wie man vielleicht nicht alles, aber vieles, mit Humor sehen kann, damit das Leben ein bisschen leichter wird. Ab und zu schreibe ich auch über die Liebe, nicht nur weil "Patchwork" so ein toller Modebegriff ist. ;) Und seit Neuestem designe ich ein bisschen was für euch; für Blogger und Kinder - und mal schauen für wen noch. :) Ihr findet mich auch bei Facebook, Instagram oder Pinterest. Übrigens. Besucht mich doch mal dort. Würde mich freuen!

11 Kommentare

  1. Ich liebe mein Mamiversum. Mit allen Stürmen und Schauern und den schönsten Regenbogen. Trotzdem kratzen manche Menschen daran und ich finde das schrecklich! Beispiel? Heute jammert mir ein Freund von seinem sooooo anstrengendem Job vor und dass er jetzt ne Auszeit braucht und Wellnessen geht. Ich so: mein Wellnessen sind 2 Minuten allein am Klo. Er: typisch Mutter! Mama sein ist eh nur Hobby, kein Job…
    Würde das unter Notwehr fallen wenn ich den Typ erwürge?

    • Haha, ja, Steffi, ich glaube, das wären mildernde Umstände. 😉
      Weißt Du, ich denke, das Problem besteht darin, dass jemand, der keine Kinder hat, sich nicht vorstellen kann, was Mama sein bedeutet. Konnte ich mir vorher auch nicht vorstellen.
      Deswegen einfach denken: Er weiß es nicht besser, ich lächle drüber.
      Alle Mamas wissen, was unser Job bedeutet, und lass die Leute reden. Manchmal einfacher gesagt als getan, ich weiß, aber es ist schön zu wissen, dass wir im Mamiversum nicht alleine sind! 🙂
      Alles Liebe (und bitte nicht Erwürgen! )
      Susanne

  2. Ich habe mich gerade eben sehr gut an deine Geschichte erinnern können, da mir unterwegs in der Bahn eine ähnliche Situation begegnet ist. Ich schreibe dir um ein wenig meine Wut loszuwerden, vielleicht fällt dir ja dazu noch etwas ein. Es war nur ein Satz, aber dermaßen ekelhaft, dass es mit der schnauzenden Hosenanzugbesserwisserin in einen Hut passt. Ich war ein wenig in Gedanken versunken, weil ich gerade einiges auf meinen Schultern zu tragen habe, inklusive Trennung vor Gericht von meinem Ex um mein Kind und mich zu schützen. Ich denke dies bedarf keiner Ausführungen, dass dies belastend ist und an den Kräften zehrt. Ich fühle mich trotz der Umstände dennoch ganz gut, und wollte einfach nach einem langen Tag nach Hause. Beim Aussteigen also aus der Bahn hat eine teeniehafte, oberflächliche Lästerziege nichts besseres zu tun als ihrem Kumpelchen neben sich „laut“ zuzuflüstern: „Die scheint aber nicht sehr glücklich mit ihrem Kind zu sein“. Nachdem ich das lachen über das, was wohl ein Scherz sein sollte, auf dem Gesicht neben ihr sah, bin ich ausgestiegen, wonach mir klar wurde wie unmenschlich diese Aussage gerade war. Mit roten Wangen vor Wut kam ich jetzt zu Hause an und erzähle diese Geschichte, eine von nur einem Satz, zwei Blicken und meinem verständnislosen Blick zurück. Was wollte sie nun mit diesem Satz bezwecken? Ein weiterer Witz in ihrem kunterbunt tratschigen Leben, eine wichtige Information an ihre Mitmenschen, oder ein gekonnter Fehlschlag in Sachen Mitgefühl und Solidarität? Ich hätte fragen müssen, ob sie denn eigentlich glücklich ist mit ihrer großen Schnauze, oder ob es denn wirklich so unerträglich langweilig ist in ihrem Leben. Mein Sohn und ich, wir sind ein gutes Team und ich bin überglücklich ihn an meiner Seite zu haben. Niemand wirft dort Steine dazwischen. Sie kann froh sein, dass sie mit der Bahn schnell noch das Weite suchen konnte. Sowas kurzsichtiges. Ich hoffe ich konnte dir mit dieser Hohlität zeigen, dass ich sehr gut nachempfinden kannst was du gefühlt hast, und dass ich, wie viele hier auch, froh sind sich an die Wolkengrüße erinnern zu können. Alles gute, passt schon wieder, siehst du 🙂

    • Liebe Kim,
      Poach, was ist das denn für eine Geschichte?! Da rege ich mich doch glatt mit Dir mit auf…
      Man kann nicht wissen, welche verqueren Gedanken manche Menschen haben – und vor allem nicht wieso. Und weißt Du was? Muss man auch nicht. Denn es ist deren Problem, mach es nicht zu Deinem! Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan; dass einen so eine Begegnung aufregt, das ist völlig normal. Bloß: Belächle es innerlich milde, solche Menschen haben, mit Verlaub gesagt, überhaupt keine Ahnung.
      Kim, ich wünsche Dir ganz ganz viel Kraft, das wünsche ich Dir von Herzen – und ich schieb Dir ’nen Kaffee rüber und ein Stück von meinem Frühstücks-Schweineohr. Die Seite mit der Schokolade.
      Sei umarmt
      Susanne

      • Danke 😉 …solche Aussagen oder Situationen zu belächeln, dass versuche ich auch und es klappt gut. Ich hab es auch hier versucht. Es war mehr meine Wut darüber, dass sich manche Leute eben ein vorschnelles Urteil erlauben als dass es mich persönlich treffen konnte. Es ist so eine Art Talkshow-Niveau, das braucht man nicht. Ich werde mich noch darin üben noch gelassener zu bleiben :).

        „Der Horizont vieler Menschen ist wie ein Kreis mit Radius Null. Und das nennen sie dann ihren Standpunkt.“ (Albert Einstein)

  3. Susanne, ehrlich: Ungefähr vor einem Jahr habe ich Deinen Text gelesen, in dem Du von „grauen Haaren“ sprachst. Ich habe vorm Bildschirm gesessen und mich gefragt: „Macht sie Witze? Wie alt ist sie? Vierundzwanzig? Sechsundzwanzig?“ Du siehst extrem jung aus.
    Am Wochenende haben wir meine Mama besucht. Am Samstag um sieben bin ich schnell mal zu Edeka gerannt. Tanktop, Leggings, die Jacke meines Mannes. Ich habe eigentlich nur die Erbsen (extra fein) für einen Kartoffelsalat gebraucht. Gummibärchen, eingemachte Sauerkirschen und eine gelbe Wassermelone mussten auch noch sein. Kennst Du bestimmt.
    In der Kassenschlange vor mir stand ein sehr hübscher, gepflegter XY-Dämlak in einem teuren Anzug. Er sieht seine Scheiße vorm Spülen liebevoller an, als er mich angesehen hat. Verachtung, Arroganz, Dummheit.
    Das sagt Einiges über ihn aus. Nichts über Dich. Nichts über mich.
    Falls alles versagt – stell Dir diese… ähhh… Ästheten einfach beim akuten Durchfall vor. Es macht Spaß 😀

    • Hahahaha, Du Liebe! Danke für Deine Worte und den akuten Durchfall-Vorschlag. Das werde ich ausprobieren – und Danke für Dein Kompliment, aber Du hast mich noch nicht morgens vor dem Spiegel gesehen (da mache ich meist selbst die Augen besser zu.). :))
      Im Übrigen finde ich die extra feinen Erbsen auch am besten. 😉

      Danke Dir! :-*

  4. Hallo liebe Susanne!
    Ja diese Menschen kennt wahrscheinlich jeder von uns. Doch ehrlich gesagt gehen sie mir am Hinterteil vorbei. (Sorry für den Ausdruck )
    Keiner steckt in deiner Haut. Ich kann mit meinem Schreibaby ein Lied davon singen.
    Die ewigen Ratschläge sind für die Tonne. Denn nur du bist Rund um die Uhr mit deinem kleinen Leben zusammen und musst die kleinen und großen Hürden nehmen.
    Und natürlich haben wir uns verändert. Äußerlich und innerlich und weißt du was, ich bin verdammt stolz darauf. Alles Liebe wünscht dir Sonja

    • Guten Morgen, liebe Sonja,
      hach, ich dank Dir!
      Vor allem fürs Verstehen. Und ich wünsche euch, dass das Schreien bald ein bisschen nachlässt, ich kann nachfühlen, wie das ist.
      Alles Liebe & einen sonnigen Tag! <3
      Susanne

  5. Hallo Susanne!

    Ich finde es immer wieder schön, dass du auch deinen Ärger wolkenleicht verpacken kannst, sodass deine Beiträge selbst dann keine schlechte Stimmung verbreiten.

    Zum Problem an sich: Müde lächeln hilft. Irgendwie hat man es ja selbst auch nicht besser gewusst, als man noch kinderlos war. Wie oft habe ich mir gedacht, dass es bei mir ganz anders laufen wird als in einer gerade beobachteten Szene – um mich dann später genau daran zu erinnern, während ich dieses oder jenes eben doch genauso mache, weil ich keine Kraft mehr habe.

    Allerdings habe ich mir nie herausgenommen, Leute mit Kindern mit meinen kinderlosen Weisheiten zu beehren…

    Liebe Grüße
    Karin

    • Liebe Karin,
      Danke fürs Lesen und Dein Kompliment – ich dachte schon, das wäre etwas zu ärgerlich, aber dann bin ich beruhigt. 😉

      Ja, das mit dem müden Lächeln, das probiere ich auch, aber es gelingt mir leider nicht immer. Und: Genau, ich hab mir auch als Kinderlose ganz andere Gedanken gemacht als heute. Das geht wohl auch gar nicht anders. Aber mit einer beleidigenden Allwissenheit aufzutreten, die persönlich angreifend und auf unterstem Niveau abläuft; da werde ich ziemlich hilflos. Weil mir selbst es nie einfallen würde, so etwas laut auszusprechen. (Noch zu denken.)

      Hab einen schönen Sonntag & alles Liebe
      Susanne

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