Das „So gut hätte ich es auch gerne mal!“-Syndrom (Oder: Ich bin alleinerziehender.)

schlaflos durch die nacht kleinkind mamasein

Hallo liebe Wolke,
kannst du dir was vorstellen?
Stell dir mal vor, also wirklich nur vorgestellt, es gäbe eine Frau mit einem ungefähr vierjährigen Kind. Eine Tochter. Eine ziemlich anstrengende Tochter, die selten schläft, die dafür einen so großen Dickkopf und Willen hat, dass die Frau manchmal denkt, ihre Tochter hat nicht ganz so viel von ihren Genen abbekommen. Außerdem denkt die Frau hin und wieder auch, dass für sie in so ziemlich allen Lebensbereichen der Zug abgefahren ist und sie ihm leise winkt. Mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge. Stell dir also diese Frau mit ihrer Tochter vor, die sich beide allein durchs Leben schlagen. Mal mehr und mal weniger erfolgreich. Und diese Frau hasst es, wenn sie ab und zu unter dem „So gut hätte ich es auch gerne mal!“-Syndrom leidet.

Ein ekelhaftes Syndrom!

Auch wenn es sich so anhört; aber es geht bei diesem blöden Syndrom nicht um Neid. Es geht auch nicht darum, sich eine Extrawurst auf dem Grill derjenigen zu braten, die es einfach schlecht leiden können, wenn es anderen gut geht. Jeder hat seinen Rucksack zu tragen, bei jedem ist irgendwas los, was eigentlich fest sein sollte. Ich kann das eigentlich ganz gut: Anderen was gönnen. Aber manchmal, in so winzigen Momenten, da packt mich dieses Syndrom am Schlafittchen. Und dann denke ich mir über andere: „Du weißt doch gar nicht, wie gut du es hast!“ Verdammich. Menno.

Besuch

Am ersten Weihnachtsfeiertag hatten wir Besuch. Ein langjähriger und guter Freund (wirklich nur Freund!), kinderlos und verheiratet, besuchte uns und ich mag ihn wirklich sehr.
Er spielte ein bisschen mit meinem kleinen Leben, brachte Geschenke, und wir hatten einen netten Nachmittag. Und trotzdem passierte das, was mir äußerst ungern passiert – und was mir überdies peinlich ist. Wirklich sehr peinlich.

Seelenruhe

Wann mich an diesem Weihnachtsnachmittag das „So gut hätte ich es auch gerne mal!“-Syndrom packte? Es begann mit der Information, dass mein Freund über Silvester eine mehrtägige Reise unternehmen würde und es endete noch nicht mit der Vorstellung, wie er ohne Mühe, ohne ein kleines Kind zum Anziehen bewegen zu müssen, ohne daran denken zu müssen, was man eben alles bedenken muss, wenn man eine Vierjährige zu versorgen und zu erziehen hat, am frühen Abend des 25.12.2017 in sein Auto steigen konnte und wieder fuhr. Ich musste daran denken, wie er am nächsten Tag in Seelenruhe ausschlafen, vielleicht mit seiner Ehefrau frühstücken und den Rest des Feiertages auf dem Sofa hängen und nichts tun konnte.

Verdammt noch mal

Ja, richtig: verdammt noch mal. Und dann schrieb mir eine verheiratete Freundin, dass ich froh sein sollte, nur ein Kind zu haben. Zwei wären doch viel anstrengender. Ja, das mag sein. Ja, man kann Silvester verreisen, ohne darüber nachzudenken. Und ausschlafen, wann man will. Und sich nicht ständig mit all den Fragen beschäftigen, die einen so sehr umtreiben, wenn man ein Kind hat. Ja, eine (ehemalige) Kollegin kann mir gern sagen, dass mein Kind doch groß genug wäre, um mal eine Stunde allein zu spielen und ich mich in der Zeit doch wunderbar ausruhen könnte.

Ja, meine Eltern können gerne denken, dass, wenn meine Tochter zur Abwechslung mal sieben Stunden durchgeschlafen hat, ich das blühende Leben bin und alle Müdigkeit für die mindestens nächsten zwei Monate verflogen ist. Ja, eine andere, ebenfalls alleinerziehende, Bekannte kann mir gern immer wieder und immer wieder verdeutlichen, warum sie noch alleinerziehender als ich ist. Poach.
Ja, man kann. Bloß: Das sind diese Dinge, die das Syndrom lecker füttern. Wenn man nicht aufpasst. Und meistens tue ich das. Aufpassen.

Ich hab’s nicht vergessen

Heute wollte Madita gern Videos anschauen. Von ganz früher. Als sie noch ein Baby war. Und so saßen wir gemeinsam auf dem Sofa. Ich habe all die Anstrengung, all die Gedanken, Ängste und Sorgen, die man als absoluter Neuling in Sachen Mama sein hat, nicht vergessen. Aber ich habe ebenso wenig vergessen, welches unglaublich große Wunder, welch unglaublich großes Glück mir aus dem Fernseher mitten aufs Herz fiel.
Mein kleines Leben.

Und dann denke ich mir, liebe Wolke: So gut wie ich hättet ihr es bestimmt auch gern mal!
Denn das habe ich, wir haben es. Auch wenn es nicht immer einfach ist. Im Alltag. Im Leben. Im Herz. Aber gut habe ich es. Sehr gut sogar. Und wenn man das weiß, dann ist das mit dem Syndrom ganz schön einfach. Weil es dann nämlich weg ist. Man muss sich nur daran erinnern, wie gut man es hat.

Alles GUTE, meine Wolke!



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Kategorie Alleinerziehend, Briefe an die Wolke, Mama sein

Hallo, ich bin Susanne! Ich erzähle euch hier als alleinerziehende Mama meines vierjährigen kleinen Lebens von unserem, oft, schrägen Alltagswahnsinn. Und ich möchte euch Mut machen, das Leben ein bisschen mehr mit Humor zu sehen. Auch dann, wenn es vielleicht mal schwer fällt. Außerdem findet ihr bei mir Lern- und Kindergeschichten. Ich freu mich, dass ihr da seid! :)

9 Kommentare

  1. Hallo,

    ich kann deine Gefühle verstehen. Ich bin manchmal auch neidisch auf andere, obwohl es eigentlich keinen Grund gibt. Aber so sind wir nun mal und das ist auch gut so. Und ich finde es übrigens egal wie viele Kinder man hat. Es gibt immer Zeiten die anstrengender sind als andere. Ich denke an dich.

    Liebe Grüße

  2. Anna Louise Buchloh

    Liebe Susanne, wir kennen uns nicht aber ich bin durch Zufall auf deinen Blog gestoßen und lese ihn mit großer Begeisterung! Gerade erwischte mich dein neuster Beitrag in genau einem solchen Anfall und hat mich zum Schmunzeln gebracht! Danke dafür:) ich freue mich schon auf weitere tolle Texte im neuen Jahr. Alles liebe Anna

  3. Liebe Susanne, deine Texte tun einfach gut. Ich kann dich sehr gut verstehen und dass das Syndrom manchmal auftaucht, ist vermutlich ganz normal. Und Tatsache ist: für ein Kind alleine verantwortlich zu sein ist nun einmal kein Zuckerschlecken. Es drückt dich deine Laura

  4. Wie recht du hast. Statt das „Was wäre wenn“ und was man nicht hat zu sehen, macht der Blick auf das, was man bei sich und in sich hat, weit mehr Sinn.
    Danke für diesen wunderschönen Text.

    Herzliche Grüße, die Julie

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