Kindergarten für Insider (Oder: Godzilla mit ADS.)

Kindergarten für Insider oder Godzilla mit ADS

Hallo liebe Wolke,
kannst du basteln?
Als ich heute auf dem Miniaturstühlchen im Kindergarten saß und mir mit Schweißperlen auf der Stirn die Bastelutensilien anschaute, die vor meinen Augen zu einem Klumpen verschwammen, habe ich mich gefragt, wie ich daraus, bitteschön, eine Laterne bauen soll. Um eines vorwegzunehmen, Trommelwirbel, Atem anhalten: Ich hab’s geschafft! (Die Menge tobt, das Konfetti regnet.)
Es gibt Dinge, die sind vielleicht nicht geheim, aber die kennt nur der erlesene Kreis derjenigen Mütter, die sich schon mal den viel zu großen Popo auf den viel zu kleinen Stühlchen platt gesessen haben: Kindergarten für Insider.

Hilfe

Gut, ich gebe zu, mir wurde beim Basteln etwas geholfen. Wahrscheinlich aus purem Mitleid, aber das ist ja prinzipiell egal. Der Erzieher meines kleinen Lebens, der aussieht als hätte er die letzten vierzig Jahre in einer Holzhütte in den Alpen verbracht und der ausnahmslos immer ohne Socken in Sandalen unterwegs ist, und der mich jeden Morgen in ein längeres Gespräch über irgendwas verwickelt (warum weiß ich nicht, ich weiß nur, dass seine Lieblingswörter »kognitiv« und »schwarzer Labradorwelpe« sind; ich erzählte diese Geschichte bereits), hat mir mit gutmütigem Lächeln geholfen.
Sonst säße ich wahrscheinlich jetzt noch weinend und fluchend am Tisch der sieben Zwerge in der Seestern-Gruppe.

Anders, ADS, Asperger

Mein kleines Leben ist anders.
Ich sage lieber: »besonders«.
Auch das erzählte ich bereits.
Sie ist nicht nur der Schrecken der sieben Weltmeere, sondern meine Dreijährige ist so groß wie sechs und so schwer wie ein Elefantenbaby (für mich jedenfalls). Für eine Erstklässlerin wäre das normal, in diesem Fall ist das aber, ähm, besonders.

Außer mir saß noch »die Mutter der Zwillinge« – die ihre Töchter nur zackig mit »Kind!« anspricht (»Kind! Hol mir mal die Schere!«), bestimmt kann sie die beiden einfach nur nicht auseinanderhalten – und eine andere Mutter mit Filzhut am Zwergentisch, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Die beiden sich aber offensichtlich schon, denn ich wurde geflissentlich ignoriert. Na. Egal.
Ich habe mich prächtig mit Lena-Marie (5), Tom (2) und Jonathan (4) unterhalten.

Rennmaus

Da für mein kleines Leben das Stillsitzen nach fünf Minuten zur Qual wird, saß ich dann also quasi allein in der illustren Runde und mit dem Kleisterpinsel bewaffnet über dem Pergamentpapier, während mein kleines Leben ihren Bewegungsdrang stillen musste. Was in etwa so aussieht, als hätte man Rennmäusen intravenös Red Bull verabreicht.
Ich kenne das ja.
Mich erschüttert das nicht mehr so ganz. Nur noch manchmal.
Da hilft kein »Kind! Setz dich sofort hin!« oder ein Schwenk mit dem Filzhut.
Da muss man sie erstmal machen lassen.
Aber plötzlich galt mir (mir!) die volle Aufmerksamkeit.

Die Mutter der Zwillinge runzelte die Stirn wie ein Rollmops und der Filzhut verdrehte die Augen, dass ich schon den Mann aus den Bergen rufen wollte, um ihm zu sagen, dass wir hier einen epileptischen Anfall am Zwergentisch hätten.

Godzilla im Kindergarten

Ich tu dann immer ganz scheinheilig-nichtswissend.
War was?
Kommen die Marsmännchen in den Kindergarten?
Steppt da gerade ein Hund mit Partyhütchen auf der Kinderküche?
Ist Godzilla im Garten?
Das kann ich mittlerweile ganz gut.
Nicht können werde ich auf immer und ewig übrigens basteln.

Irgendwann geht selbst meinem kleinen Leben die Puste aus. Und so stand es dann neben mir, mit hochrotem Kopf und außer Atem, aber irgendwie erleichtert, und schaute sich ihre fast fertige Laterne an.
»Die ist aber schön, Mama!«
Hach.

Babygesicht

Zwillingsmutter und Filzhut saßen immer noch in Schockstarre auf ihren Stühlchen. Fast hätte ich gelacht.
»Die hast du aber nicht gut im Griff! Wie alt ist SIE denn?«, japste Filzhut und dehnte das Worte »sie« wie einen Kaugummi unterm Schuh.
»Drei.«, antworte ich und bohrte gerade ein Befestigungsloch in den Deckel.
»DIE hat aber noch ein ganz schönes Babygesicht für ihre Größe!«, gab sie zurück.
»Und du trägst einen ziemlich kindischen Filzhut für deine Größe! Deinen Geschmack hast du aber gar nicht im Griff!«, hätte ich beinahe gesagt.
Hab ich aber nicht.
Stattdessen habe ich gelacht.
Was will man denn da erklären?

Zuhause habe ich ein bisschen geweint, weil mein kleines Leben anders, ähm, besonders ist, es immer sein wird und wir zukünftig sehr wahrscheinlich mit sehr viel größeren Problemen rechnen müssen als Filzhüte und Laternen. Aber; war da etwa gerade Godzilla im Garten, liebe Wolke?
Ich muss mal schnell nachsehen gehen!

Bis später, meine Wolke!


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Kategorie Briefe an die Wolke, Kleinkind, Leben mit "besonderem" Kind

Hallo, ich bin Susanne! Ich erzähle euch hier als alleinerziehende Mama einer etwas „anderen“ Vierjährigen von unserem, oft, schrägen Alltagswahnsinn. Und ich möchte euch zeigen, wie man vielleicht nicht alles, aber vieles, mit Humor sehen kann, damit das Leben ein bisschen leichter wird. Ab und zu schreibe ich auch über die Liebe, nicht nur weil "Patchwork" so ein toller Modebegriff ist. ;) Und seit Neuestem designe ich ein bisschen was für euch; für Blogger und Kinder - und mal schauen für wen noch. :) Ihr findet mich auch bei Facebook, Instagram oder Pinterest. Übrigens. Besucht mich doch mal dort. Würde mich freuen!

10 Kommentare

  1. Pingback: Eure Herzpost des Monats Oktober (#Herzpost) - Verflixter Alltag - Kuriositätenkabinett einer Mama-Bloggerin

  2. Für mich eine wunderbare Geschichte zum Sonntag. Ja, ich kenne das von früher. Mütter können sich wunderbar gegenseitig fertig machen. Gut, dass Du bei Dir geblieben bist und Dich nicht auf Diskussionen eingelassen hast. Du brauchst Deine Kraft für Dich und Dein Kleines Großes Leben. Du weißt, wie richtig es ist, sie sich austoben zu lassen. Ich drücke Euch mental alle beide und den Erzieher noch dazu! Meinetwegen auch die Mutter mit Hut und „Ihr Kind“, alle drei haben es auch nicht immer leicht. Schönen Sonntag! Regine

  3. Die Leute sind so unsensibel! Wie kann man überhaupt ein Kind „in Griff“ haben? Als ob das ein Hund oder Zirkuspferd wäre! Jeder Mensch ist besonders, ihr beide seid besonders, nur das zählt.

  4. Ach lass dich mal drücken. Es gehört wohl einfach zum Leben, dass man an solche Leute gerät. Und gerade die Kinder machen uns angreifbar und verletzlich. Aber denk dran, die „ollen Meckerziegen“ sind so was von unzufrieden – und zwar mit ihrem eigenen Leben.

  5. Was für dämliche Bemerkungen. Ich glaube, Leute, die solche Bemerkungen machen haben die Probleme. Nicht Du und Dein kleines Leben. Ihr seid genau richtig so.

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