Madita und der Regenbogen.

Madita und der Regenbogen...wenn man genauer hinsieht.

Hallo liebe Wolke,
was begeistert dich so richtig?
Obwohl ich den Herbst eigentlich mag, weil ich im Grunde meines Herzens eine Sofakartoffel bin, die bei dem stürmischen Regenwetter zumindest ein bisschen mit ihrer Couch schmusen darf und die somit nicht dem Druck des schönen Sonnenscheins erlegen ist, sich Outdooraktivitäten ausdenken zu müssen (aka „fünf Stunden auf dem Spielplatz rumhopsen“), so kann ich mich trotzdem nicht richtig für diese Jahreszeit begeistern. Eben wegen des stürmischen Regenwetters. Ach, ich weiß manchmal auch nicht, was ich will.

Regenbogen

Vorgestern hat meine Tochter zum ersten Mal in ihrem Leben einen Regenbogen gesehen. Einen echten. Am Himmel. Und es war wirklich ein toller Regenbogen. Er war sogar so toll, dass der Regenbogen seit zwei Tagen Gesprächsthema No 1 ist. Sowohl Zuhause, als auch im Kindergarten, beim Bäcker, an der Wursttheke – und Opa musste sowieso sofort telefonisch und mit leuchtenden Augen darüber informiert werden:
„Ich habe einen Regenbogen gesehen! Und er war so wundertoll! Oben rot und unten lila! Und alle Farben, die es gibt! Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“

Abgestumpft

Nachmittags sprach mich die Erzieherin an, dass mein kleines Leben den ganzen Tag von fast nichts anderem gesprochen hatte als von ihrem Regenbogen. Manche Kinder wären noch begeisterungsfähig, sagte sie, und dass das gut sei, einige wären in dem Alter ja schon so abgestumpft.
Abgestumpft? Mit vier?
Mich machte das nachdenklich.

Wenn man nicht mit vier Jahren noch die unglaublich große Begeisterung im Bauch spüren kann, wenn man etwas sieht, wenn man etwas macht, wenn man etwas fühlt oder riecht, das einem so wahnsinnig schön vorkommt, dass man ganz aufgeregt wird und es anfängt, überall zu kribbeln – wann denn dann?
Genau dafür ist die Kindheit doch da. Dafür ist sie erfunden worden. 

Kurze Kindheit

Die Kindheit aber, die ist genauso schnell vorbei wie der Regenbogen, der langsam am Himmel verblasst. Irgendwann wacht man auf und hat die Fähigkeit verloren, den ganzen Tag unbeschwert durch die Gegend zu stromern und noch in der kleinsten Kleinigkeit etwas Wundertolles zu sehen.
Denn genau das kann man, wenn man ein Kind ist:
Man sieht das Schöne. Immer und zu jeder Zeit.
Man sieht nicht das blöde Herbstwetter, sondern wie die Blätter einem um die Ohren sausen und der Wind die Haut kitzelt, welches Geräusch der Regen auf der Kapuze macht. Man schaut sich jede Kastanie an und bemerkt, dass alle unterschiedlich aussehen – und dass trotzdem jede einzelne wunderschön ist. Genau so wie sie ist.
Manchmal sieht man sogar Dinge, die es eigentlich gar nicht geben kann: Einen schlafenden Fuchs auf der orangefarbenen Balkonblume, die dem Oktober trotzt.
Fuchs auf der Blume. Beim Regenbogen.Und man ist eins: begeistert.

Förderwahn

Vielleicht macht es der allgegenwärtige Förderwahn, dass die enthusiastische Leidenschaftlichkeit irgendwo zwischen dem „OH! Mein Kind ist ein Genie!“ und/oder „OH JE! Mein Kind kann mit fünf noch nicht Zeitungslesen!“ verkümmert und auf der Strecke bleibt. Oder es sind die Medien. Die Zeit. Die Gesellschaft. Oder was auch immer. Kinder dürfen manchmal keine Kinder mehr sein, weil es zu viel von dem Zuviel gibt. Und da gehen Regenbögen ab und zu unter.

Was aber stimmt, ist: Jedes Kind ist ein Einzelstück, ein Unikat, etwas Einzigartiges. Das ist das Geschenk, das man mit seinem Kind erhält. Man kann Kinder nicht verändern oder kopieren, wie schlimm wäre das?, sie sind so, wie sie sind. Wie die Kastanien, die alle anders und jede für sich wunderschön sind. Und das ist verdammt gut so. Der eine, so wie mein kleines Leben, kann sich tagelang an einem Regenbogen erfreuen. Der andere begeistert sich für etwas anderes. Hoffentlich zumindest. Denn die Freude, die direkt aus dem Herzen kommt, die so pur ist, dass man sie fast anfassen kann; genau diese Freude, die macht das Kindsein und die Kindheit aus. Zumindest in meiner Vorstellung. Und manchmal kann ich mich noch an sie erinnern: an die kindlichen Begeisterungsstürme, die einen dorthin bringen, wo man für den Rest seines Lebens bleiben möchte. 

Kinder machen das gut!

Meine Tochter bewundere ich für ihre Begeisterungsfähigkeit, für ihre Gabe, die leider nicht das ganze Leben bei ihr bleiben wird:
Ich bewundere sie für ihre Gabe, ein Kind zu sein. Und es sein zu dürfen. 
Manchmal, liebe Wolke, ist man einfach mit zu viel Übereifer unterwegs im Leben, dabei hilft es doch, sich mal ein bisschen zu bremsen. Wenn ich mir meine Madita so anschaue, dann denke ich mir oft, sie bringt doch alles mit, so viel Eigenes, sollte ich wirklich ständig so viel mehr tun als sie nur zu begleiten, nur ein bisschen die Weichen zu stellen und sie nur mit Liebe stark zu machen?

Manchmal begeistert selbst mich noch ein Regenbogen, den mir mein kleines Leben auf ihre Weise gezeigt hat. So nämlich, dass ich ihn mit den Augen eines Kindes betrachten durfte. Und dann weiß ich plötzlich wieder, was ich will. Selbst bei stürmischem Regenwetter. 

Alles Liebe, meine Wolke!


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Kategorie Briefe an die Wolke, Kleinkind, Mama sein

Hallo, ich bin Susanne! Ich erzähle euch hier als alleinerziehende Mama einer etwas „anderen“ Vierjährigen von unserem, oft, schrägen Alltagswahnsinn. Und ich möchte euch zeigen, wie man vielleicht nicht alles, aber vieles, mit Humor sehen kann, damit das Leben ein bisschen leichter wird. Ab und zu schreibe ich auch über die Liebe, nicht nur weil "Patchwork" so ein toller Modebegriff ist. ;) Und seit Neuestem designe ich ein bisschen was für euch; für Blogger und Kinder - und mal schauen für wen noch. :) Ihr findet mich auch bei Facebook, Instagram oder Pinterest. Übrigens. Besucht mich doch mal dort. Würde mich freuen!

6 Kommentare

  1. Wundertoll geschrieben! Momentan frage ich mich des Öfteren wann wohl diese Gabe verloren geht… früher kam einem ein Tag eeewig lang vor – wohl auch weil es so viele Klitzekleinigkeiten zu entdecken gab…
    Ich glaubte diese Gabe schon längst verloren zu haben und wünschte mir oft die Welt nochmal aus Kinderaugen sehen zu dürfen. Dies ermöglicht mir mein 3-jähriger Sohnemann beinahe jeden Tag (wenn ich es zulasse auf diese Reise zu gehen)! Eigentlich ist es ganz einfach, oder? Wenn man nicht gerade hetzen muss, bzw. sich nur ein ganz klein wenig Zeit lässt und sich gemeinsam auf Entdeckungstour begibt kann man wieder durch Kinderaugen sehen… Wenn ich mich ganz von meinem Sohnemann leiten und anstecken lasse und er mir seine Welt durch seine strahlenden Augen zeigt ist das das pure Glück für mich! Dann sehe ich Einhörner, Feen, Elfen… und auch seinen imaginären Freund Penzo…

  2. Ich glaube den „abgestumpften“ Kindern wird das ausgeredet.
    Ich denke da an einen Bekannten dessen Sohn unbedingt wissen wollte wie ein Motor funktioniert.
    Den Kleinen begeisterte das eben sehr und der Wissensdurst stand ihm ins Gesicht geschrieben.
    Als Kind war ich auch so und wollte einfach alles wissen.
    Das ist glaube ich die selbe Begeisterung, wenn auch anders ausgedrückt,
    die hinter dem Regenbogen steckt.
    Leider reagieren wir Erwachsene da nicht immer sehr empathisch.
    Dieser Bekannte fühlte sich davon nur genervt.
    Warum will man so einen Blödsinn auch wissen?
    Übrigens hätte ich dem Kind mit rivalisierender Begeisterung erklärt,
    welche technischen Prinzipien hinter so einem Stück Mechanik stecken.
    Aber dieser Kerl hatte dafür so gar kein Verständnis und erzählte uns in der Männerrunde,
    sogar noch genervt von seinem lästigen Sohn.
    Am liebsten hätte ich ihm eine verpasst was natürlich auch keine Lösung wäre.
    Aber zumindest glaube ich das genau das hinter so einer „Abstumpfung“ steckt.
    Manche Mütter würden ihr Kind eben anschnauzen,
    es solle gefälligst schneller gehen und nicht blöd in den Himmel starren.

    Traurig aber wahr.

    • Mir wird’s ganz klamm, wenn ich das lese. 🙁
      Man kann nicht alles richtig machen, und sich nur und ausschließlich und 100% um sein Kind zu drehen, das halte ich auch für falsch. Aber WER soll denn sonst sein Kind an die Hand nehmen, um erstmal gemeinsam die Welt zu erobern, wenn nicht Mama oder Papa oder beide?
      Ach. Das ist wirklich traurig.

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