Mama, der Asket. 

Hallo liebe Wolke Mama der Asket

Hallo liebe Wolke,
gönnst du dir auch mal etwas? Irgendwas?
Vorgestern war Freitag der 13. und ich bin, nachdem meine Waschmaschine und der Fernseher gleichzeitig den Geist aufgegeben hatten, einigermaßen verwundert, dass nicht alle übrigen technischen Geräte vorgestern mit einem Knall und Funkenflug explodiert sind. Weil: So richtig viel überrascht mich in meinem Leben nichts mehr. Und dann frage ich mich: Darf ich mir zum Ausgleich auch mal was gönnen oder werde ich als Mama der ewige Asket sein?

Einkaufen…

Vorgestern habe ich außerdem beim Einkaufen die Mutter der Zwillinge getroffen, die ihre Mädchen immer nur „Kinder“ und nie beim Vornamen nennt. Zumindest nicht im Kindergarten.
Sie stand vor mir an der Kasse, ich hab gegrüßt, man kennt sich vom Martinslaternebasteln und Adventsheißklebernachmittag, und sie grüßte zurück; mit einem fast unmerklichen Beben ihres linken Nasenflügels mit Brilli drin. War mir vorher gar nicht aufgefallen, der Nasenstecker.
Wahrscheinlich war die Zwillingsmutter einfach zu sehr damit beschäftigt, sich den Inhalt meines Einkaufskörbchens anzusehen, also eher „eindringlich zu begutachten“, den ich in Lichtgeschwindigkeit aufs Band pfefferte, weil mir der Senior mit Zeitnot, hinter mir, seinen Wagen bereits zum dritten Mal in die Hacken fuhr.

Alkohol…

Ich gebe zu, mein Einkauf war nicht unbedingt qualitativ hochwertig. Statt Tofu Fleischwurst. Statt Dinkelvollkorn-Bio-Nüdelchen ganz stinknormale Vollei-Spätzle. Statt Bergquellwasser eine Tüte Apfelsaft. Aber immerhin drei Bananen, ein Schälchen Himbeeren, zwei Äpfel und Kartoffeln.
Mehlig.

Als ich die Flasche Radler gerade noch so eben aufs Band schmiss, weil Senior mir ins Kreuz gefahren war, schnaubte die Nase mit Brilli, die ihren Einkauf bereits auf zwei dieser praktischen Aufklapp-Körbchen aufteilte, unüberhörbar.
Alkohol! Eine Mutter kauft Alkohol! Neben dem ganzen anderen ungesunden Zeug!
Ist das zu fassen?

Asket…

Richtig.
Als Mutter muss man quasi in ständiger Askese leben. Das fängt am Tag der Befruchtung an und endet erst, wenn man sich die Primelwurzeln von unten anschaut.
Richtig, ich darf kein 0,2l-Radler trinken. Am Abend. Wenn mein kleines Leben schläft.
Denn: Es. Könnte. Immer. Was. Sein!
Und mit 0,2 Liter Radler im Blut ist man volltrunken, da ist man zu nichts mehr in der Lage. Das weiß schließlich jeder.
Richtig, ich bin alleinerziehend. Fast vergessen. Da darf man schon zweimal kein Radler trinken, und Sex haben auch nicht. (Von Make-up und Klamotten jenseits von Cordhose mal ganz abgesehen.)
So.

Bio-Alpaka-Wolle…

Da muss man im Ohrensessel sitzen, abends die Wollunterwäsche für sein kleines Leben aus der Bio-Alpaka-Wolle stricken, sich eventuell – aber auch nur eventuell! – einen kleinen Haferflockenkeks mit Hagebuttentee (beides ohne Zucker) aus dem Reformhaus gönnen, dabei eine Rosamunde Pilcher Schmonzette auf dem Ersten anschauen, anschließend um halb Zehn das Licht löschen, und beide Hände aber – bitte sehr – über der Bettdecke lassen. Auch dann, wenn man allein drunter liegt.

Selbstdisziplin

Selbstdisziplin wird mit dem hCG-Hormon bereit ab Schwangerschaftswoche 1 frei Haus geliefert. Und das ist schon ganz gut so.
Aber das bedeutet nicht, dass man sein ganzes Mama-Leben lang dem absoluten asketischen Zölibat in allen Lebenslagen frönen muss. Jedenfalls glaube ich nicht, dass – ab und an – ein (1) Radler und eine dick mit Fleischwurst belegte Brötchenhälfte eine schlechte Mutter aus einem macht. Und ich will nicht immer nur ein Asket sein müssen…
Herrjemine.

Mich wundert wirklich nur noch wenig in meinem Leben, liebe Wolke, aber jetzt trinke ich mal lieber meinen Ingwertee, bevor er noch kalt wird.

Bis bald, meine Wolke!


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Kategorie Briefe an die Wolke, Mama sein

Hallo, ich bin Susanne! Ich erzähle euch hier als alleinerziehende Mama meines vierjährigen kleinen Lebens von unserem, oft, schrägen Alltagswahnsinn. Und ich möchte euch Mut machen, das Leben ein bisschen mehr mit Humor zu sehen. Auch dann, wenn es vielleicht mal schwer fällt. Außerdem findet ihr bei mir Lern- und Kindergeschichten. Ich freu mich, dass ihr da seid! :)

4 Kommentare

  1. Zeig mir Deinen Einkauf und ich zeige Dir, was für ein Mensch Du bist.
    Da haben wir wieder die Schubladen…

    Auch wenn ich mich manches Mal dabei erwische, auf die Einkäufe meiner Mitmenschen zu starren und in meinen Kopf ein Urteil über diese zu formulieren, muss ich doch sagen, dass ich mich dann ganz schnell wieder auf den Boden der Realität katapultiere, indem ich mir, selbstreflektierend, vor Augen führe, welche Gelüste ich so manches Mal fröne.

    Und dass eine Mutter (noch dazu eine ALLEINERZIEHENDE 😉 ) sich auch mal etwas gönnen muss, steht ja wohl außer Frage. Auch wenn es nur ein klägliches Radler ist 😉

    Sehr schön beschrieben, diese Subkultur an der Einkaufskasse.
    Genieß Dir Dein Radler! Aber in Maßen bitte 🙂

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