Mama, der Versager. (Oder: Warum Tori Amos alles darf.)

Mama, der Versager. Erziehung heute...Kopfstand.

Hallo liebe Wolke,
wie oft sagst du „möglicherweise, vielleicht und eventuell“?
Es gibt diese Abende, da setze ich mich auf mein Sofa, um 10 im Sommer ist es noch hell draußen, am Fenster fliegen die Mehlschwalben vorbei und rufen im Flug. Dann höre ich Tori Amos, obwohl ich schon vorher weiß, dass ich dann weinen muss. Aber es gibt diese Abende, zumindest für mich, wenn sich da dieses große Fragezeichen auf meinen Schoß setzt und ich Angst habe, zu versagen. Oder schon versagt zu haben. Mama, der Versager.

Stoppschild 🚫

Manchmal kann ich einfach nicht mehr.
Manchmal sind sowohl die Erinnerungen als auch die Zukunft unerträglich. Dabei gehöre ich gar nicht zu den Menschen, die zurück schauen. Und der Blick in meine Zukunft ist ein bisschen so wie in die Glaskugel zu schauen; ein Orakel, das mir ab und zu unheimlich ist, weil ich nicht weiß was kommt, weil meine Pläne meist Traumschlösser sind. Irgendwann hatte ich mal einen großen Topf voller Optionen, davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Der Weg mit einem Kind, der ist eng gesteckt, zumindest meiner ist es. Viel links und rechts schauen ist da nicht drin, der Blick zurück jedenfalls ist ein Verbot. Das habe ich mir selbst irgendwann auferlegt. Nur Tori Amos macht das nicht viel aus, sie überfährt mein selbst gebasteltes Stoppschild. Eine Tori Amos, die darf das.
Die darf quasi alles.

Lasst sie in Ruhe! ⛔

Oft denke ich, lasst mein kleines Leben doch einfach mal in Ruhe mit dem ganzen Beobachten und Diagnostizieren und Bewerten. Sie ist doch nur ein kleines Mädchen, das ein bisschen anders ist, das nicht ganz in die Norm passt. Ist das denn wirklich so schlimm?
Vielleicht aber habe auch ich es verbockt mit meinen Ansichten einer Erziehung, die ganz viel mit dem Herz zu tun haben, die mein kleines Leben immer mit den Augen einer Mama – aber auch mit den Augen meines eigenen inneren Kindes betrachtet haben. Kann sein, dass ich in den letzten vier Jahren oft gescheitert bin. Möglicherweise hätte ich mich dem Druck einfach ergeben müssen, der heutzutage schon in der Schwangerschaft beginnt. Eventuell lag da bereits der Hund begraben.
Ich wäre gern eine dieser Schwangeren gewesen, die im Kreise einer großen Familie tanzen bis die Fruchtblase platzt und alle klatschen, setzen sich die Partyhütchen auf und von der Decke regnen Konfetti und große Luftballone: Willkommen im Leben!
Geträumt habe ich davon. Don’t dream it, be it.
Auch wenn ich das nicht so erlebt habe, wie man es erwartet, wie es „normal“ gewesen wäre, wenn mir (zum Beispiel) der Begriff „Hypnobirthing“ total fremd war und mir die unglaublich vielen Diagnostiken etwas übertrieben vorkamen; ich war glücklich. Auch ohne allzu viel Chichi. 

Ich habe versagt. ❌

Als ich mein kleines Leben zum ersten Mal im Arm hielt und diesen Zaubermoment nur mit uns verbringen wollte, saß die Stillberaterin daneben und bläute mir ein, wie das mit dem Stillen zu funktionieren hätte. Dass ich immer auf die Ohren des Babys schauen müsste, und wenn sie wackelten, dann machte ich es richtig. Mein Herz riet mir, dass ich dem kleinen Wesen erstmal ordentlich „Hallo!“ sagen sollte bevor ich auf die wackelnden Ohren achtete.
Als ich von Beginn an bei jedem Pieps nach ihr schaute, sie nie habe schreien lassen, und sie nur auf meiner Brust einschlafen konnte, die Nächte nach Jahren etwas qualvoll wurden, hörte ich mir von allen Seiten an, dass da irgendwas schief laufen würde. (Ach so!) Apropos „schief“: Die schiefen Blicke, wenn man auch nur irgendetwas anders machte, als man es heute tun sollte, die kann ich nicht zählen und auch nicht nachmachen. Will ich auch gar nicht, sieht nämlich doof aus. Vielleicht habe ich das mit dem Nein sagen und der Konsequenz auf die zu leichte Schulter genommen, den rechten Zeitpunkt verpasst, und es mag sein, dass mich meine Erschöpfung in vielen Situationen hat versagen lassen.
Möglicherweise sehe ich etwas anderes in meinem Kind als die anderen, weil ich daran glaube, dass sie vielleicht ein spezielles, aber ein Mädchen mit einem großen Herz ist. Wieso müssen denn alle normiert sein? Ich bin es doch auch nicht, lasst sie doch einfach ein Kind ohne Stigmata sein, das seine Defizite hat, weil man sie auch in Fragebögen so schön auflisten kann. Es mag sein, dass meine Ansicht von Liebe und Respekt und Zugewandtheit gescheitert ist – obwohl: nein! Ein Kind ernst zu nehmen, es auch mal nach seiner Meinung zu fragen, es zu loben und vielleicht auch mal überzubetüddeln und ab und zu sogar übervorsichtig zu sein; das sieht vor allem die ältere Generation nicht immer ganz so gern. Werden doch alles Tyrannen und Narzissten. Wie kann man nur?
Worin ich allerdings ein Versager war: Als ich mich ganz unbedarft neu verliebte – ohne die Konsequenzen, vor allem für mein kleines Leben, zu bedenken, wenn es nicht funktionieren würde. Das werde ich noch lange mit mir herumtragen. Tori Amos singt ein Lied davon.

Mama, der Versager. ‼

Als Mutter kann man jederzeit versagen. Vor allem, wenn man das Gefühl eingetrichtert bekommt, dass es nur wenige Wege gibt, die nach Rom führen, dass man das mit der Erziehung auch ja immer richtig machen muss. So nämlich, wie es heutigen (gesellschaftlichen) Richtlinien entspricht. Man kann sich beinahe tot lesen an Ratgebern und in Foren, wenn es um dieses Thema geht. Ein Thema, bei dem es scheinbar nur Absolutismen gibt.
„Du darfst es nur so und so machen, dann wird etwas aus deinem Kind!“.
Das ist ein guter Weg in dieses Gefühl, sich wie ein Versager vorzukommen. Ehrlich.

Gold Dust. ❤

Manchmal kann ich einfach nicht mehr, dann würde ich mich am liebsten unter der Bettdecke verkriechen und warten. Worauf weiß ich auch nicht. Vielleicht, dass das große Fragezeichen verschwindet, das sich ab und zu auf meinen Schoß setzt. Aber, liebe Wolke, solange man mit dem Gefühl aufwacht, dass es schon in Ordnung ist wie man es macht, wenn das innere Kind nicht aufhört, auf die Dinge zu schauen, wenn man sich unterm Strich selbst vertraut und wenn man auch mal weint, weil Tori Amos das mit einem machen darf, dann lebt man. Dann liebt man.
Mama, der Versager? Nein! Ganz und gar nicht. 

Gute Nacht, meine Wolke!


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Kategorie Achtsamkeit, Alleinerziehend, Briefe an die Wolke, Gesellschaft, Mama sein

Hallo, ich bin Susanne! Ich erzähle euch hier als alleinerziehende Mama einer etwas „anderen“ Vierjährigen von unserem, oft, schrägen Alltagswahnsinn. Und ich möchte euch zeigen, wie man vielleicht nicht alles, aber vieles, mit Humor sehen kann, damit das Leben ein bisschen leichter wird. Ab und zu schreibe ich auch über die Liebe, nicht nur weil "Patchwork" so ein toller Modebegriff ist. ;) Und seit Neuestem designe ich ein bisschen was für euch; für Blogger und Kinder - und mal schauen für wen noch. :) Ihr findet mich auch bei Facebook, Instagram oder Pinterest. Übrigens. Besucht mich doch mal dort. Würde mich freuen!

18 Kommentare

  1. Liebe Susanne,
    vielen Dank für diesen Text. Manchmal liegt viel Schmerz in der Rückschau in die Vergangenheit, viel schlechtes Gewissen – zumindest bei mir. Mir hat da tatsächlich oft Hooponopono geholfen. 🙂 Das klingt etwas abstrakt, aber es macht richtig Spaß! 😀
    Ich habe in letzter Zeit irgendwie gelernt, dass es ein Versagen gar nicht gibt. Jeder Mensch hat einen freien Willen, Erfahrungen zu machen. Manche sind schmerzlich, manche sind heilsam, andere sind einfach interessant…wie auch immer. Erfahrungen sind in sich etwas dienliches, auch wenn man manche nicht wiederholen möchte.
    Wir sind Menschen und wir sind Mütter und Väter. Das dürfen und wollen (so glaube ich) unsere Kinder auch spüren und kennenlernen. Schließlich werden sie auch an ähnliche Punkte kommen.
    Beste Grüße

    Lucas

    • Hab vielen Dank, Lucas!
      Was Hooponopono ist, das muss ich jetzt googeln, das kann ich ja noch nicht mal aussprechen! 😀
      Habt einen richtig schönen Tag!
      Susanne

  2. Melanie Heckes

    Hallo liebe Susanne,
    Heute ist der erste Geburtstag meiner Tochter. Sie liegt gerade auf meiner Brust und macht ihr Morgenschläfchen.
    Oftmals denk ich, ich müsste sie tagsüber weglegen in ihr Bett, doch oft schlafe ich auch mit ein und genieße diese Zweisamkeit ungemein. Irgendwann will sie es vielleicht nicht mehr und dann werde ich es vermissen. Dann hört man Sprüche wie, sie muss doch mal alleine einschlafen lernen auch tagsüber. Ich lese grundsätzlich keine Erziehungsratgeber. Sie verunsichern nur. Kann man alles richtig machen? Muss man alles richtig machen?
    Solche Blogs wie deine lese ich viel lieber. Sie sind menschlich und jeder kann sich in die Situationen hineinversetzen. Danke dafür, dass du deine Gedanken mit uns teilst, ich werde sie immer wieder gerne lesen.

    Mit sonnigen Grüßen
    Melanie mit Milena

    • Liebe Melanie,
      erstmal ganz liebe Glückwünsche an Deine kleine Milena nachträglich! Ihr hattet bestimmt einen schönen Tag. 🙂

      Und ich danke Dir sehr fürs Lesen und für Deine Nachricht, denn weißt Du was? Nein. Man muss und man kann nicht alles richtig machen. Solange es sich aber mit dem Herzen gut anfühlt, was und wie man es macht, solange ist es in Ordnung und richtig. Daran glaube ich zumindest ganz fest.

      Habt einen schönen Abend und alles Liebe für euch!
      Susanne

  3. Es hat mich zum weinen gebracht und tat zu gleich so gut zu lesen das man mit all dem nicht alleine ist als Mama! Danke für diese Worte!!!

  4. Es gibt einen Ratgeber der in meinem Regal steht und den ich dir gern ausleihen (zumindest verraten) würde: er heißt „bloß nicht alles richtig machen“ und geht um Kindererziehung. Man kann auch nicht alles richtig machen und muss man in dem Sinne auch nicht und bloß nicht nach Normen. So wie man es selbst für richtig hält mit dem Eingeständnis an manchen Stellen eben noch verbessern zu können. Es gibt nicht „die perfekte“ Mutter, selbst die Kinder der „perfekten“ werden im späteren Leben zurückdenken und sagen: „Warum hast du das nur so gemacht und nicht anders? Aber ich kann es verstehen. Trotzdem bist du für mich die beste Mutter die ich mir vorstellen konnte.“

  5. Hallo liebe Susanne,
    lass dich trösten, denn du bist nicht die einzige Mama, die Fragezeichen auf dem Schoß sitzen hat und sich hin und wieder wie eine Versagerin fühlt. So ist das Mamaleben, ob mit oder ohne vermeintlich perfekte Rahmenbedingungen. Das Wichtigste ist die unbändige Liebe zum eigenen Kind und wenn sich dein Kind geliebt fühlt, dann hast du bereits jetzt alles richtig gemacht. ♡
    Ganz viele Grüße von der Ostsee.
    Regina

  6. Es gibt kein richtig oder falsch bei Kinder Erziehung… Jeder macht es so wie man es für richtig haltet… Man soll sich nicht an andere halten wenn man da kein gutes Gefühl hat..

    und ich finde Du machst es Sehr super mit dein kleines Leben, lass Dir nix anderes sagen. Mit viel Liebe, immer für sie da zu sein egal wie es einem geht, steht sie für dich an erster Stelle.

    Mir wird auch viel gesagt mit mein kleinen Bärchen (19 monate alt).

    LG Ina

    • Liebe Ina,
      Danke fürs Lesen und Deine lieben Worte!
      Und ich kann das nur zurückgeben: Genieße Dein Bärchen und lass Dich nicht von eurem Weg abbringen, solange Dein Herz Dir sagt, dass alles in Ordnung ist!
      Alles Liebe
      Susanne

  7. Lass dich nicht unterkriegen. Egoismus und Oberflächlichkeit tut der Gesellschaft dauerhaft nicht gut. Es ist besser wenn man zu jenen gehört die da nicht mitmachen. Auch wenn man das Gefühl bekommt alles falsch zu machen.

  8. Ich finde es ebenfalls unerträglich, dass man heute bei Kindern immer wieder eine Schablone anlegt und guckt, ob irgendwo etwas von der Norm abweicht. Ich habe nichts dagegen und finde es sogar sehr wichtig, dass durch die U-Untersuchungen ein Kinderarzt regelmäßig guckt, ob ein Kind sich gut entwickelt. Aber es ist wichtig, dass dieser Kinderarzt auch ein Gespür für die Vielfalt des Lebens hat und so weise ist, Situationen nicht standardmäßig zu beurteilen. Er sollte immer die verschiedensten Ausgangssituationen der Eltern im Blick haben und die Individualität von Kindern. Dann sollte er einfach mit seinem Fachwissen und dem Herzen gucken und er wird wissen, ob eigentlich alles gut läuft. Meine Erfahrung ist auch: Selbst wenn unser Kinderarzt die Entwicklung unseres Kindes immer sehr gut fand, gab es überlastete Erzieher in der alten Kita, die gar nicht erkannten, dass mein Kind sich durch die schlechten Rahmenbedingungen der alten Kita, de mangelnde Zuwendung, immer schwieriger entwickelte. In der neuen Kita habe ich nur noch positive Entwicklung gesehen und das auch rückgemeldet bekommen. Lass‘ Dich nicht beirren. Man muss immer gucken, wer einem etwas sagt und wie man die Person und ihre Motivation insgesamt einschätzt. Du, mit Deinem großen Herzen und auch Verstand, kannst das bestimmt gut beurteilen.

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