Plastik-Zebras und preisgekrönte Pudel. (Oder: Statusobjekt Kind)

Statusobjekt Kind ErdmännchenGuck-guck!

Hallo liebe Wolke,
kannst du gut entspannen?
Ich saß gestern eine Stunde vor der Glotze und hab so rumgeschaltet. Seitdem ich einen Kabelanschluss UND einen neuen Fernseher habe, könnte ich viel rumschalten, aber der einzige Sender, von dem ich weiß, dass er auf Programmplatz 158 ist, ist Kika.
Um 6.10 Uhr startet Kika-Dibedibedab-ninchen (das ich übrigens höchstgradig gruselig finde), das weiß ich, da brauche ich keine TV-Programm-App, aber was sonst so läuft, auf den tausendreihundertvierundzwanzig Programmen, das weiß ich wiederum nicht. Ich lebe mittlerweile echt hinterm Mond, was das angeht. Gibt es überhaupt noch MTV? Rumschalten könnte ich viel, aber mal ausschalten, so innendrin, das gelingt mir manchmal nicht so gut.

Hängebauchschweine

Gestern waren wir im Zoo.
Tag 1 der Kitaferien erfolgreich hinter uns gebracht. (Jubel, Beifall, Freibier!)
Ein Zoo ist, finde ich, eine wunderbare Location für Sozialstudien (wie übrigens auch schwedische Möbelhäuser oder Spielzeugläden), da trifft man meist ganz viele Kinder und ihre Familien. Früher, als ich noch Kind war, da bin ich oft mit meinem Vater in den Zoo gegangen, wir haben viel Zeit im Streichelzoo verbracht und am lustigsten fand ich die Hängebauchschweinchen mit ihren kleinen Schwänzchen, die immer aufgehört haben zu wackeln, wenn man sie angestupst hat. Mein Vater brachte mir eine Menge über Tiere und Pflanzen und die Umwelt im Allgemeinen bei, wir haben stundenlang unter irgendwelchen Buchen verbracht, Bucheckern gesammelt und Eichhörnchen studiert und solche Dinge eben, die ich ganz fest in das Poesiealbum meines Lebens verpackt habe.

Firlefanz im Zoo

Ich weiß nicht wie es damals war, vielleicht war’s anders als heute, vielleicht auch nicht, aber heute steht an jeder Zoo-Ecke eine Bude, an der man irgendwelchen Firlefanz kaufen kann; bescheuerte Tiermasken zum Beispiel, und drei Viertel der Kinder, die man im Zoo heutzutage so trifft, die rennen bei 40 Grad im Schatten als Kunststoff-Zebra herum und schwitzen aus der letzten Pore. Und die Mütter (Väter, Eltern, Großeltern) rennen schwitzend hinterher und werfen zwischendurch mal einen Blick in den Geldbeutel, ob man sich das Plastiknilpferd mit Zuckerperlen drin, das man auf Rollen durch die Gegend schiebt, noch leisten kann.
Zu den Menschenaffen gehe ich nicht gerne, ich bin sowieso nicht so der Zooliebhaber, aber bei den Menschenaffen wird es mir immer sehr schwer ums Herz, wenn ich den Orang-Utan da hinter Gittern sitzen sehe, der sich mit einer Hand am Maschendraht festhält und mit seinen wachen Augen die Zoobesucher beobachtet.

Orang-Utans im Ruhrgebiet

Mein kleines Leben, Opa und ich standen trotzdem dort und Opa erklärte etwas über den Urwald und die Affen und dass er das in seinem Leben gern mal in echt gesehen hätte, und jetzt wahrscheinlich nicht mehr dazu kommen wird. Meine Tochter hörte andächtig zu, so wie ich es immer tat, als ich klein war. Und dann kam sie, von hinten, diese Art von Mutter, die immer Angst hat, dass ihre Kinder (und sie selbst) zu kurz kommen, mit einem riesigen Rucksack bewaffnet, der für eine Dschungelexpedition genau richtig gewesen wäre, aber nicht für einen Besuch im Tierpark einer Stadt im Ruhrgebiet. Hömma, ey!
„Getz lassen Sie uns da abba auch ma hin!“, sagte die Mutter und der Orang-Utan schaute ein wenig konsterniert.
Ungefähr so wie ich, weil außer uns niemand dort stand und noch ungefähr drei Kilometer Platz war, um das Affengehege zu beobachten. Ihre zwei Plastik-Zebras galoppierten in die erste Reihe, rümpften die Nase und nuschelten unter der Maske ein „Ih, hier stinkt’s!“ und ein „Das ist ja voll langweilig, der sitzt ja da nur rum!“ und dann zogen sie weiter. Wahrscheinlich Pommes kaufen.

Extrawurst im Leben

Ich mag nicht nur Zoos nicht sonderlich gern, ich mag es auch nicht, wenn man sich überall vordrängeln muss oder eine Extrawurst erwartet, nur weil man Kinder hat. Es ist schon klar, dass Menschen unter 1,50m in der ersten Reihe stehen sollten, damit sie besser sehen können. Dass man einer Mama mit Kinderwagen mal eben kurz unter die Arme bzw. Räder greift. Und auch, dass man akzeptiert und respektiert, dass Kinder laut sind, sich im Vier-Sterne-Restaurant noch nicht so gut benehmen können und dass man nicht auf dem Eltern-Parkplatz parkt, wenn man nur einen Chihuahua und kein Baby dabei hat. Und es ist auch klar, dass man auf kleine Kinder genauso Rücksicht nehmen sollte, wie auf die ältere Dame, die im Bus einen Sitzplatz benötigt. Aber dieses: „Lassen Sie mich durch! Ich bin Mutter! Ohne Rücksicht auf Verluste“, das geht mir, ehrlich gesagt, total auf die Nerven. Eltern im Allgemeinen sollten schon als Vorbild durch die Welt spazieren. Finde ich.

Statusobjekt Kind

Jeder gute Zoo hat außerdem immer irgendwo einen riesigen Spielplatz, an dem man nicht vorbeikommt und an dem außerdem die meisten Buden und Firlefanzlädchen aufgebaut sind. Und dort trafen wir Matilda.
Matilda war auch vier Jahre alt, so wie mein kleines Leben. Matilda trug ein 200 Euro-Designerkleid, während meine Tochter bereits zwei große Eisflecken und einen Grasabdruck auf ihrer Hose trug, und Matilda wäre gern spielen gegangen und hätte sich gern in der Sandkiste gewälzt, durfte sie aber nicht. Vielleicht wären ihre blondgelockten Haare, die zu einer 1a-Frisur verarbeitet worden waren, durcheinander geraten, vielleicht waren ihre Eltern aber auch bloß mit ihr unterwegs, weil ihre Eltern eigentlich gar nicht mit ihr im Zoo unterwegs waren, sondern auf dem Status-Präsentierteller ihrer Eitelkeiten.
Matilda wurde spazieren geführt wie ein preisgekrönter Pudel. Nicht wie ein vierjähriges Mädchen.

Versprochen!

Statusobjekt Kind Orang-Utan

… 🙁

Meine Tochter versprach dem Opa, dass sie ganz bald in den Urwald fahren würden, um sich gemeinsam die Affen anzuschauen. Und Opa antwortete: „Versprochen!“
Ist es nicht ziemlich wichtig, liebe Wolke, dass Kinder was fürs Leben lernen? Warum Affen im Dschungel leben und man nicht unbedingt eine Plastikzebramaske braucht, um sich überall vordrängeln zu können? Zum Beispiel. Durchsetzungsvermögen ist schon wichtig, das sehe ich ein, aber mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein klappt das doch ganz gut, da kann man die Ellenbogen getrost nur im äußersten Notfall benutzen. Und was Matilda angeht: Selbstverwirklichung erreicht man nicht über sein Kind. Mir würde es jedenfalls keinen Spaß machen, mit einem Pudel durch den Zoo zu flanieren. Und dem Pudel auch nicht.
Aber Menschen sind ja verschieden, das habe ich gelernt.

Was ich noch dringend lernen muss: Abschalten.
Aber das gelingt mir sicher auch noch. Eines schönen Tages. Und bis dahin bleibt der Fernseher eben aus; an einem Sommerabend auf dem Balkon zu sitzen, das tut nämlich auch ganz gut. Ohne Firlefanz. 

Bis ganz bald, meine Wolke!


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Kategorie Briefe an die Wolke, Gesellschaft, Kleinkind

Hallo, ich bin Susanne! Ich erzähle euch hier als alleinerziehende Mama einer etwas „anderen“ Vierjährigen von unserem, oft, schrägen Alltagswahnsinn. Und ich möchte euch zeigen, wie man vielleicht nicht alles, aber vieles, mit Humor sehen kann, damit das Leben ein bisschen leichter wird. Ab und zu schreibe ich auch über die Liebe, nicht nur weil "Patchwork" so ein toller Modebegriff ist. ;) Und seit Neuestem designe ich ein bisschen was für euch; für Blogger und Kinder - und mal schauen für wen noch. :) Ihr findet mich auch bei Facebook, Instagram oder Pinterest. Übrigens. Besucht mich doch mal dort. Würde mich freuen!

5 Kommentare

  1. Pingback: Wovon eine Mutter träumt. – Hallo liebe Wolke

  2. igelmama

    🙂 Heute ein uralter Text von mir als Kommentar, passte so gut
    Im Affenhaus

    Sie pflückt ihren Sohn vom Gitter
    und legt ihn an ihre Brust
    „Es nuckelt“
    ruft begeistert mein Sohn
    und ich pflück’ ihn vom Gitter.

    Die Orang-Utan Mutter
    birgt ihr Kind im Arm
    eines der letzten seiner Art,
    durch das Gitter
    sieht sie mich an.

    Durch das Gitter
    seh’ ich sie an
    mein Kind im Arm
    das sechsmilliardste seiner Art.

    Zwei Möglichkeiten
    sehen einander an,
    durch das Gitter. (Copyright N.Berghan)

  3. Haaach… liebe, liebe Susanne..
    Ich lese hier schon eine ganze Weile und nun wird es doch endlich mal Zeit, einen Gruß dazulassen. Gruß!
    Am 01.03. hat mein kleines Leben das Licht der Welt erblickt und seitdem ich halbwegs mit der Mutterrolle zurechtkomme lese ich auch deine tollen „Briefe“ an die Wolke.
    Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, wirklich alle zu lesen, aber ich kann schon sagen, dass ihr 2 mein Herz berührt habt.
    Ich kenne dich zwar nicht, sondern nur das, was du schreibst, doch ich möchte dir sagen, dass ich dich und dein wunderbares kleines Leben sehr lieb gewonnen habe.
    Du bist eine wundervolle, starke Mutter! Eine Mutter, die ich selbst gern gehabt hätte und hoffentlich sein werde.
    Fühlt euch herzlichst gedrückt und alles Gute für euch 2.
    Steffi
    (Viele Worte für jmd wie mich – nimms mir nicht übel, wenn ich mich irgendwo verhaspelt habe)

    • Liebe Steffi,
      ach, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll! <3
      Danke Dir so sehr!

      Erstmal: Alles Gute für euch und herzlichen Glückwunsch zu Deinem noch klitzekleinen Leben! Ich kann mich noch gut erinnern wie die Zeit damals gewesen ist und ich wünsche Dir viele wundervolle Momente & eine Extramütze voll Schlaf für euch beide. 😉
      Ich kenne Dich zwar noch weniger als Du mich (und eigentlich erfährt man ja schon ne Menge über mich und die Wolke ), aber ich bin mir SEHR sicher, dass Du eine ganz großartige Mutter bist. Wer mit so viel Herzenswärme schreibt, der kann gar nix anderes sein!

      Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute für die nächste, spannende Zeit und sei fest umarmt!
      Susanne

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