So will ich nicht werden!

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Hallo liebe Wolke,
ist dir schon mal ein schlimmer Fehler passiert?
Mein kleines Leben und ich spielten am Wochenende zum 250. Mal Elsa und Anna – und es muss immer, gnadenlos immer, so ablaufen wie der Frozen-Film. Dramaturgisch. Wortwörtlich. Alles.
Dabei übernimmt mein kleines Leben selbstverständlich nur und ausschließlich die Rolle der Elsa, während ich Anna, den Obertroll, König und Königin und das Schneemonster geben muss – und kann mich schon glücklich schätzen, dass Olaf und Sven in unserer gekürzten Fassung nicht vorkommen. Mittlerweile kenne ich die Dialoge, Lieder, das gesamte verdammte Drehbuch, auswendig, aber nach dem tausendsten Durchlauf erwägte ich, das Prozedere mal ein bisschen aufzulockern. Weil: Ich. Konnte. Es. Nicht. Mehr. Hören.
Und als ich begann, ein bisschen albern zu sein, brachte das meine Tochter auf die vorschulpubertäre Palme und mich in eine Situation, in der ich mit Entsetzen feststellte: So will ich nicht werden!

Scheißtag

Dieser Samstag fing schon blöd an. Die Milch war sauer, das Wetter wieder mistig, ich stieß mir den Kopf am Tisch, als ich mein Messer aufheben wollte, das mir beim Frühstück aus der Hand gerutscht war, das selbstgebackene Brot wurde steinhart und ungenießbar. Das hebt nicht gerade die Laune, und ich hatte Lust etwas anderes zu tun als Elsa und Anna zu spielen. Gut, wir waren auch draußen und wir kochten gemeinsam und haben diejenigen Dinge getan, die mir mit meinem kleinen Leben wirklich viel Spaß machen (und umgekehrt) – aber ich hätte so schrecklich gern geschrieben, weil ich einen guten Einfall hatte, und ich hätte so schrecklich gern einen Samstagnachmittag einfach mal abgegammelt. Ging aber nicht. Ging die letzten fast fünf Jahre nicht. Weil ich meine Tochter nicht einfach mal so für zwei, drei Stündchen „wegorganisieren“ kann, weil alles an mir hängen bleibt, was es nur zu hängen gibt. Das ist ok, ich habe mich damit arrangiert, und ich tue all das gern und für mein kleines Leben würde ich ja sowieso mein letztes Hemd geben. Aber manchmal eben, da hat man einen Scheißtag. Und dieser Samstag, mit Elsa und Anna, der war einer.

Eskalation

Und weil ich sowieso schon schlechte Laune hatte, und mein kleines Leben ebenfalls mit dem falschen Fuß aufgestanden war, gipfelte mein Versuch, ein bisschen Abwechslung in das monotone Spiel zu bringen, in einer kleinen Eskalation. Wahrscheinlich hatte ich es mit meinem Albernsein übertrieben und Anna hätte nicht das „Let it go“-Lied umtexten und singen sollen: „Ich mach in die Hooos, mach in die Hoooos…“. Meine Tochter wurde darüber nämlich wirklich sauer, obwohl sie doch sonst diese Kaka-Pups-Pipi-Witze ziemlich klasse findet. Und, zack, zog sie mir so fest an den Haaren, dass es weh tat. Weil sie so zornig war.

Ehrlicherweise war ich geschockt, wütend, traurig und stinkesauer. Alles auf einmal. Doch statt pädagogisch wertvoll und richtig zu reagieren, setzte ich die Anna-Puppe etwas unsanft auf dem Boden ab und ging. Sonst hätte ich vermutlich laut geschrieen und das wollte ich ja nun auch nicht.

Stille

Was ich aber noch viel weniger wollte, und es doch getan habe, war, mein kleines Leben zu ignorieren und mich – statt einer erzieherischen Glanzleistung im Erklären und Grenzenziehen – in die Küche zu setzen und nichts mehr zu sagen. Ich konnte einfach nicht mehr. An diesem Scheißtag konnte ich nach fünf Jahren plötzlich einfach nicht mehr und machte diesen schlimmen Fehler, den ich niemals machen wollte.

Weil ich weiß, wie es sich als Kind anfühlt, wenn nicht mehr gesprochen wird. Wenn man sich in Luft auflöst und machen kann, was man will, und trotzdem nicht mehr beachtet wird. Und es ist schrecklich.

Wenn man selbst ein Kind bekommt, wenn man Mutter (Vater, Eltern) wird, dann sieht man sich selbst plötzlich in einem anderen Licht. Und die eigenen Eltern ebenfalls. Dann dämmert es einem so langsam, wieso man so ist, wie man eben ist. Warum man auf manche Dinge äußerst allergisch reagiert. Und man nimmt sich vor, niemals das zu tun, was man als Kind furchtbar gefunden hat. In meinem Fall war es die Sache mit dem Ignorieren. Niemals würde ich meine Tochter für irgendetwas „bestrafen“, indem ich sie nicht mehr beachten würde. Das nahm ich mir fest vor, denn Liebesentzug ist eine böse Strafe. Eine Strafe, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Meine Mutter konnte es sehr gut, sie konnte sehr gut und ganz einfach ein paar Tage nicht mehr mit mir reden und so tun, als sei ich unsichtbar. Egal, wie alt ich war; sie kann es auch heute noch. Und weil ich weiß, was das mit einer Kinderseele macht, will ich so nicht werden.

Zehn Minuten

Zehn Minuten später weinte meine Tochter und kam tränenüberströmt zu mir, um sich zu entschuldigen. Mir ging es so elend, selbst der schlimmste Liebeskummer hat das nicht mit meinem Herz gemacht, so verschrumpelt kam es mir vor, und mir tat alles leid. Meine Tochter tat mir schrecklich leid, obwohl ich das Haareziehen selbstredend nicht dulden kann noch werde. Mir tat sogar der Scheißtag leid, weil er so doof war. Und dann weinten wir beide und ich nahm mein kleines Leben so fest in den Arm wie ich nur konnte. Danach sprachen wir darüber, dass man niemandem wehtun darf, weder sie noch ich. Dann lasen wir „Lotta kann fast alles“ auf dem Sofa und blieben den ganzen Abend gemeinsam unter der rosa Wolldecke zusammengekuschelt, unterhielten uns und ich war (und bin!) so dankbar, dass wir uns haben.

Und ich war für noch etwas dankbar, liebe Wolke: Dass ich nicht so bin, wie ich nie sein wollte. Weil es mich zu sehr geprägt hat, weil ich mein kleines Leben immer lieb haben werde und sie niemals den Eindruck haben soll, noch darf, dass sie mir egal wäre.

Scheißtage haben wir wohl alle mal. Zum Glück kommen sie nicht so oft vor. Und zum Glück kann man Dinge, die einem wirklich wichtig sind, fest in sein Herz schließen, damit man sich immer daran erinnert, wie man nicht sein will.

Sei umarmt, meine Wolke.


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Kategorie Briefe an die Wolke, Erziehung, Mama sein

Hallo, ich bin Susanne! Ich erzähle euch hier als alleinerziehende Mama meines vierjährigen kleinen Lebens von unserem, oft, schrägen Alltagswahnsinn. Und ich möchte euch Mut machen, das Leben ein bisschen mehr mit Humor zu sehen. Auch dann, wenn es vielleicht mal schwer fällt. Außerdem findet ihr bei mir Lern- und Kindergeschichten. Ich freu mich, dass ihr da seid! :)

19 Kommentare

  1. Hallo Susanne,
    Ich will deine Mutter nicht in Schutz nehmen, aber damals war das eben so. Der Großteil der Mütter hat so gehandelt, für uns heute lieblos und verständnislos. Ein Relikt aus Hitlers Zeit. Nimm es ihr nicht übel, sie wusste es eben nicht besser. Umso besser , dass du es es anders machst! Und auch wenn es nicht immer so läuft, wie man es sich vorgestellt hat, es wird nicht schaden! So lange die Basis stimmt und das Urvertrauen da ist, wird das Haus stehen bleiben! Deine Tochter wird auch mit solchen Situationen zurecht kommen und wenn ihr redet, wird sie verstehen, warum du so reagiert hast. Du bist auch nur ein Mensch und was ist schon pädagogisch richtig…du schlägst sie nicht und fügst ihr auch keinen seelischen Schaden zu. Also mach dir keinen Kopf!!!

  2. Liebe Susanne,
    so wie es andere auch schon geschrieben haben: sei nicht so streng mit dir, du machst deine Sache gut. Als du die Situation beschrieben hast und dann schreibst, dass du dann nicht pädagogisch wertvoll und richtig reagiert hast, hab‘ ich erst gedacht, du hättest ihr eine gescheuert. Ich finde es völlig in Ordnung sich aus so einer Situation erst mal raus zu nehmen. Solange es bei ein paar Minuten bleibt und man dann hinterher miteinander redet (und kuschelt ) ist das für mich auch kein Liebesentzug, sondern Umgang mit einer stressigen Situation.
    Ich glaube nicht, dass man als Eltern überhaupt alles „richtig“ machen kann. Ist immer ruhig bleiben, egal was die Kinder machen, immer richtig? Mein Job als Mutter beinhaltet ja auch, meine Kinder für die Welt da draußen vorzubereiten und die reagiert leider auch nicht immer ruhig und ausgeglichen. Ich weiß von Kindern, deren Eltern immer ruhig blieben, die haben sich später irre schwer getan mit der Reaktion anderer umzugehen.
    Ich denke, es geht auch darum authentisch zu bleiben. Meine Töchter sind 8 und 11, und bei uns geht es manchmal ganz schön laut zu. Bei uns gibt es eine – für andere schwer nachvollziehbare – Regel: man darf die Tür zuknallen. Einmal. Warum? Weil ich das in meiner Wut auch mal brauche. Deshalb dürfen die Mädels das auch. Und dann versucht man runter zu kommen, atmet durch und findet wieder zueinander. Und redet und nimmt sich in den Arm. Ich bin auch nur ein Mensch und so gar nicht perfekt. Und dadurch haben aber auch meine Töchter nicht das Gefühl, dass sie perfekt sein müssen (zumindest arbeite ich daran).

  3. Liebe Susanne,
    schön dass du so offen schreibst und es nicht in dich hineinfrisst!!
    Wir Mamas sind alle nicht perfekt!!! Wir nehmen uns vor manche Dinge niemalsnie und auf gar keinen Fall jemals auf eine bestimmte Art zu handeln wie wir es selbst erlebt haben und die uns schlecht in Erinnerung sind. Aber wir sind keine Übermenschen… manchmal bricht es einfach so raus und wir fühlen uns richtig richtig besch… eiden… aber wenn das mal passiert, dann ist es wichtig sich wieder zu vertragen. So wie ihr das getan habt! Auch das müssen unsere kleinen Leben lernen! Man kann sich streiten, Mama kann auch mal ausrasten, Mama ist auch nur ein Mensch und kann nicht immer ruhig bleiben! Man kann sich streiten, und dann ist alles wieder gut!! Denn egal was passiert, man liebt sich bedingungslos!!!
    Liebe Susanne, auch wenn es ein scheiss Gefühl war sich so zu erleben, es kommt auf die Liebe an, die du sonst gibst, deine Geduld, Spiele, Kuscheleien… du leistest Großartiges, bist eine tolle Frau und Mama!!! Lass dich von so einem Ausrutscher nicht unterkriegen!!!
    Fühl dich geherzt von einer Mama, die auch nicht immer so handelt Wie Sie es sich erträumt… 😉

  4. Liebe Susanne,
    meine Tochter ist jetzt fünf und ich kann sehr gut nachfühlen, wie es dir ergangen ist. Meine Mutter machte es einem auch nie leicht, sich für einen Fehler zu entschuldigen. Man wurde einfach nicht beachtet. Ein sehr schreckliches Gefühl. Und doch ist mir eben das auch passiert, dass ich einen Nachmittag, als es nicht mehr ging, meine Tochter ignoriert habe. Für eine – im Nachhinein betrachtet – lächerliche Situation.
    Als ich die Not meiner Tochter spürte, dass ich für sie nicht mehr erreichbar bin, fühlte sich das an wie damals bei mir und meiner Mutter.
    Es war ein Fehler, der passiert ist, aber aus dem meine Tochter und vor allem ich gelernt haben.
    Ich drücke dich.

  5. Liebe Susanne, Deine Geschichte kommt gerade heute richtig . Meine Tochter u ich hatten heute auch so einen Tag und ich geissel mich selber für meine Unfähigkeit/Ratlosigkeit pädagogisch wertvoll zu handeln – aber bin ich doch auch nur ein Mensch, denke ich und will dennoch nicht so sein. Ich möchte da sein. Es tut gut zu lesen nicht alleine zu sein.

  6. Liebe Susanne,
    auch meine Mutter hat mich früher ignoriert, bis ich um Verzeihung gebeten habe. Vor kurzem habe ich dieses Verhalten selbst an den Tag gelegt und es war schrecklich. Ich fühlte mich so grausam und böse und habe mich sehr schnell entschuldigt und versucht zu erklären. Das ganz hatte aber auch einen positiven Aspekt. Ich habe mit meiner Mutter gesprochen und ihr nach fast 30 Jahren meine Wut über ihr Verhalten um die Ohren gehauen. Fühl dich umarmt. Wir geben diese Hartherzigkeit nicht weiter.
    Warme Grüße sende ich Dir
    Jenny

  7. Liebe Ann Kristin,
    erstmal möchte ich Dir von Herzen danken und fühl Dich bitte zurück gedrückt! <3
    Und das, was Du mir sagst, gebe ich Dir zurück: Sei nicht so streng mit Dir. Insbesondere in nicht so lustigen und etwas schwierigen Zeiten ist es nicht so einfach, sich und seinen Ansprüchen gerecht werden zu können. Vielleicht muss man das aber auch gar nicht immer. Ich denke, wenn man sich selbst reflektieren kann und ein bisschen feinjustiert, dann sind auch Aussetzer in Ordnung. Denn sie sind menschlich.
    Ich hoffe sehr, und wünsche es Dir, dass es Dir bald wieder richtig gut geht. Ich fühle, auch was das angeht, mit Dir.
    Sei geherzt und alles Liebe
    Susanne

  8. Ich danke Dir sehr, liebe Anna, fürs Lesen und für Deine lieben Worte! Sie tun gut!
    Alles Liebe für euch!
    Susanne

  9. Ann Kristin Nissen

    Liebe Susanne, sei nuvht sobstremg mit dir. Du machst einen tollen Job als Mutter für dein kleines Leben! Versuche es so zu sehen: du hast es nicht ignoriert, du hast euch beiden eine Auszeit verschafft. Ich habe es gestern nicht geschafft, mein kleines Leben hat mich zweimal sehr, sehr laut erlebt gestern. Ich arbeite jeden Tag daran, dass das nicht passiert, aber mein eigenes Seelenleben ist seit einem halben Jahr vollkommen durcheinander und ich fahre emotional Achterbahn. Da passieren solche Dinge. Wir sind auch nur Menschen und wir reflektieren unser Verhalten. Du hast erlebt, dass es sehr schmerzhaft ist, wenn man von der Mutter ignoriert wird. Aber du hast dein kleines Leben nicht ignoriert. Du hast es mit offenen Armen empfangen, als es weinend vor dir stand. Du hast mit ihm zusammen geweint und dir dann ganz viel Zeit genommen. DAS ist es, was zählt.
    Als ich heute meiner Mama erzählt habe, dass nach gestern sehr laut und auch grob geworden bin, standen wir beide mir Tränen in den Augen da. Als ich dann nach einem langen Tag nach Hause kam, strahlte mein kleines Leben mich an und sagte, es habe mich so sehr vermisst. Da wusste ich, dass auch nicht so schöne Momente nur halb so wild sind, so lange man dabei authentisch ist.
    Vergiss nie: Tränen sind der Schweiß der Seele!
    Fühl dich gedrückt!
    Ann Kristin

  10. Liebe Susanne, ich bin mir sicher, JEDE Mutter (und jeder Vater wohl auch) kann nachvollziehen, wie es dir ergangen sein muss und wie du dich gefühlt hast und aber auch, wie es überhaupt so weit kommen konnte! Manche Tage sind einfach nur für’n Ar…Popo! Und an so Tagen machen auch wir als Supermamas Fehler 😉
    Das Schöne ist, finde ich ja immer, Kinder verzeihen! Wenn wir als Erwachsene von unserem, manchmal echt hohen Erziehungsberechtigtenross runter steigen und zugeben, dass wir Mist gemacht haben und dass es uns leid tut, dann finden Kinder das großartig und authentisch und verzeihen von ganzem Kinderherzen!
    Beim nächsten Mal halt müssen wir es anders machen und „beweisen“, dass wir draus gelernt haben 😉
    Komm gut ins nächste Wochenende, ich drück die Daumen, dass Anna und Elsa sich da wieder besser verstehen! 🙂

  11. Liebe Wolke,Ich bin schon oft rausgegangen, wenn ich das Gefühl hatte, es geht sonst schief.
    Und ich sage das meinem Kind auch so: Ich musste kurz raus, weil ich soooooooo wütend war und
    nichts unbedachtes tun wollte. Ich finde das etwas anderes, als bewusstes kaltherziges, ignorieren.
    Raus gehen, wenn die Grenze erreicht ist, kann auch ein gutes Vorbild sein.
    Und gerade körperlichen Übergriffen entziehe ich mich, wenn ein Stop nicht reicht.
    Man muss sich nicht an den Haaren ziehen lassen, nur weil man nicht Elsa spielen will.
    Besser ist natürlich vorher schon konsequent zu sagen: Ich habe heute auf dieses Spiel keine Lust!
    Aber wer macht schon immer alles richtig?
    Keine Mutter.
    Keine.
    Sei nicht so streng mit dir, deinem kleinen Leben gestehst du auch Fehler zu.
    Wünsche euch schöne Tage
    Natalie

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