Zweifelherbst. Herbstzweifel.

Herbstzweifel Zweifel im HerbstIm Haifischbecken.

Hallo liebe Wolke,
weißt du was?
Die Tage saß ich abends mit meinem kleinen Leben auf dem Sofa, draußen zog Sturmtief Xavier vorbei und klebte die Lindenblätter von außen an unsere Wohnzimmerscheibe. In meinem Kopf ging es ähnlich zu: Gedanken wirbelten herum, viele Gedanken, aber ich war zu müde, um sie zu Ende zu denken. Außerdem stand Rapunzel auf dem Programm und im Märchenbuch – und nachdenken und vorlesen, das kann ich nicht. Genauso wenig übrigens wie Kastanienmännchen basteln, die nicht alle wie hässliche Waldschrate aussehen, vor denen man sich fürchten könnte. Schlimm ist das mit mir und meinen Bastelfähigkeiten.
Jedenfalls wurde ich beim Vorlesen von meinen vielen Gedanken so müde, dass ich beim Sprechen fast eingeschlafen wäre. Ohne Witz.
Sekundenschlaf bei Rapunzel.

Dornröschen

Mein Leben ist meistens weder sonderlich filmreif noch märchenhaft, und dass ich oft zweifle, das weißt du ja nun schon, liebe Wolke.
Da könnte man ab und an drüber weinen oder vielleicht hysterisch lachen, jammern wäre auch eine Möglichkeit. Ich aber werde stattdessen meistens so schläfrig, dass ich mich Dornröschen nennen könnte, wenn ich dafür nicht wesentlich zu alt wäre (von der sagenhaften Anmut mal ganz abgesehen) und die Sache mit dem Prinzen… na, lassen wir das.
Dass ich an diesem Abend mal wieder so schläfrig wurde, das hatte seinen Grund. Obwohl das Ausgeschlafensein sowieso ein Fremdwort für mich geworden ist, war ich noch müder als sonst, denn wir kamen von einer Einladung zurück: von einem kleinen Herbst-Umtrunk bei einer Bekannten.

Märchenschloss

Und dann standen wir da, meine Tochter und ich, inmitten des „kleinen“ Herbstfestes, das für mich eher nach Großveranstaltung aussah. Wir drückten uns also irgendwo am Rande der Familien herum, die sich im großen (riesenriesenmegagroßen) Wohnzimmer im Westflügel des Einfamilienhauses – in Stadtrandlage mit prächtigem Kastanienbaum (womöglich war es auch ein Mammutbaum) und den zwei SUVs in der Einfahrt – tummelten. In der offenen Küche: Hightechausstattung. Und alles war ordentlich. Aufgeräumt. Kein Stäubchen. Nirgendwo. Ich prüfte das unauffällig auf einer der Fensterbänke, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Meine Dreizimmerwohnung ist zwar immer einigermaßen sauber, aber niemals aufgeräumt. Zumindest nicht so. Wahnsinn, wie man das schaffen kann. Trotz der zwei kleinen Kinder und dem Vollzeitjob von Mama und Papa.

Das hässliche Entlein

Die Vorbereitungen für dieses kindgerechte Oktoberfest haben vermutlich drei Monate gedauert, denn die gefilzten Deko-Elfen im geschneiderten Fliegenpilzwald und das äußerst schmackhaft aussehende Buffet waren selbstgemacht. DIY. Selbstverständlich. Natürlich. Das hätte ich selbst in drei Monaten nicht hinbekommen.
Um es mit einem Wort zu beschreiben: perfekt.
Alles perfekt. Auch die Anwesenden. Selbst die Meerschweinchen hatten ein seidig-glänzendes Fell und konnten vermutlich sprechen. Das habe ich allerdings nicht getestet.
Und ich stand daneben, fühlte mich mal wieder wie das alleinerziehende hässliche Entlein mit Strubbelfrisur und meine Tochter war auch nicht mit skandinavischer Öko-Trendmode ausgestattet. Die Zweifelgedanken klopften leise an und ich begann eins: mich zu schämen.

Die Schwester von Aschenputtel

Aschenputtels Schwestern haben auch keinen abbekommen. So wie ich. Hübsch anzusehen, das waren sie ebenfalls nicht so richtig, furchtbar, diese großen Füße – und mein persönliches Selbstbewusstseinsbarometer sank gewaltig.
Tiefdruck im Herzen.
Ein schrecklich schlimmes Gefühl ist diese Minderwertigkeit. Nicht so zu leben wie andere, mir am Rande der Herbstgesellschaft die heile Welt, die ja möglicherweise auch nicht immer so heile ist wie ich mir das vorstelle, anzuschauen und mir die Nase daran plattzudrücken, das verletzt. Und es nagt an allen Ecken, die eh schon brüchig sind.
Dabei bin ich gar nicht neidisch, so wie es die Aschenputtelschwestern gewesen sind. Bloß: Nicht gleichwertig zu sein, oder sich zumindest öfter so vorzukommen, das füttert die Zweifelgedanken bis sie sich aufblähen wie ein Schokokuss in der Mikrowelle.

Glitzerflitter

Ich bereue nichts, ich liebe mein kleines Leben, und ich werde nicht müde, das zu betonen – oder meine Liebe auch mal mit pinkem Glitzerflitter in die Welt zu streuen. Meine Tochter gibt meinem Leben einen Sinn, den ich vorher nicht kannte und für den ich mir ein Bein ausreißen wü.. – ach was, ich würde mein kleines, märchenloses Leben für mein Kind geben. Daran bestehen keinerlei Zweifel. Punkt.

Die Sage vom Thermomix

Mutterschaft bedeutet aber nicht unbedingt auf der Sänfte durch die jubelnde Menge getragen zu werden, und es regnet auch nicht nur rote Herzluftballons. Für mich jedenfalls nicht. Alleinerziehend oder nicht. Aber das darf man ja nicht so laut sagen.
Das Zweifeln, das ist im Übrigen auch nicht so angesagt.
Sich zu hinterfragen ist gut, (manchmal) keinen Plan zu haben und (öfter) nicht zu wissen, was denn nun richtig ist, das ist schlecht. Ungefähr so schlecht wie keinen Mann und keinen Thermomix zu haben – und nicht mitreden zu können. Dürfen. Manchmal auch wollen.
Nichts gegen Männer oder Thermomixe, aber wenn man beides nicht hat, dann ist man, übertrieben ausgedrückt, gesellschaftlich auf dem abgebrochenen Ast. Kam mir zumindest auf dem Oktoberfest so vor.
Denn, neben Anleitungen zur Selbstverwirklichung, habe ich dort herausgehört, dass die anwesenden Erziehungserleuchteten diejenigen waren, die das alles vorher gewusst haben, wie das mit den Kindern, dem Job, der Ehe und dem Leben im Allgemeinen und im Speziellen ist. Und wie das mit den Plänen so funktioniert. Guess what? GESCHENKT!

Die Trolle namens Zweifelgedanken

Den einzigen, denen ich es recht machen muss, sind Madita und Susanne. Niemandem sonst. Ich muss schauen, dass es uns gut geht, dass wir über die Runden kommen, dass ich stark bleibe und mir meine Schwächen weiterhin eingestehen darf – und zwar ohne mich unzulänglich zu fühlen.

Ganz blöde Zeitgenossen sind diese Zweifelgedanken, die gern im Zweifelherbst ihre Runden drehen. Und sie sehen ungefähr so aus wie meine Kastanienmännchen. Wenn man sich das mal bildlich vorstellen möchte.

Eine Yacht in St. Tropez

Glücklicherweise begegnen mir Menschen, Mütter, die einem die Hand reichen. So wie zum Beispiel Tanja von Krümel und Chaos.
Auch sie hat Zweifel, auch sie hat Träume, auch sie hat Wünsche und auch sie möchte manchmal lieber noch mal nicht erwachsen sein und nicht die Verantwortung tragen, die man eben zu tragen hat.
Vielleicht geht unser gemeinsamer Traum von der Yacht in St. Tropez ja doch noch in Erfüllung, den wir uns bunt ausmalen. Weil wir weitermachen. Egal, in welchem Lebensmodell wir uns befinden, egal, wie viel Geld wir haben werden und egal, wie viel von unseren Wünschen in zehn Jahren noch übrig bleibt.
Stark bleibenAber, hey: Aufgeben, das kommt nicht in Frage, auch wenn das Herz manchmal ein Tiefdruckgebiet zu überstehen hat. Auch wenn es Zweifelmomente gibt. Champagner kann man auch woanders als in St. Tropez trinken, aber zukünftig, meine Wolke, suche ich mir sehr genau aus, mit wem ich auf meiner Yacht sitzen werde.

Unsere Träume und unsere Kinder machen den Zauber des Lebens aus. Und unsere Zweifel klopfen manchmal an, um uns daran zu erinnern.

Bis bald, meine Wolke!

Tanja von Krümel und Chaos und ich möchten gern eine Blogparade zum Thema #ZweifelimHerbst ins Leben rufen. Welche Zweifelgedanken klopfen bei euch manchmal an? Falls ihr Herbstzweifel habt, dann schickt den Link zu eurem Text an uns. Wir sind gespannt!

Tanjas Text findet ihr hier: Zweifel-Haft: Alles für die Kinder?!
Text von HAMMAMama: Zweifelst du manchmal, Mama? Du bist nicht allein!

 

 


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Kategorie Alleinerziehend, Briefe an die Wolke, Gesellschaft, Kleinkind, Mama sein

Hallo, ich bin Susanne! Ich erzähle euch hier als alleinerziehende Mama einer etwas „anderen“ Vierjährigen von unserem, oft, schrägen Alltagswahnsinn. Und ich möchte euch zeigen, wie man vielleicht nicht alles, aber vieles, mit Humor sehen kann, damit das Leben ein bisschen leichter wird. Ab und zu schreibe ich auch über die Liebe, nicht nur weil "Patchwork" so ein toller Modebegriff ist. ;) Und seit Neuestem designe ich ein bisschen was für euch; für Blogger und Kinder - und mal schauen für wen noch. :) Ihr findet mich auch bei Facebook, Instagram oder Pinterest. Übrigens. Besucht mich doch mal dort. Würde mich freuen!

3 Kommentare

  1. Hallo Susanne,
    ich habe mich irgendwann mal versprochen und nicht „Tiefdruckgebiet“ sondern „Triefduckgebiet“ gesagt. Daran mußte ich bei deinem Text wieder denken. Triefen und Ducken, story of my life… 😉 Du bist super und ich lese immer im Stillen mit, obwohl ich weder Mama noch alleinerziehend bin. Liebe Grüße aus Köln! <3

    • Triefdruckgebiet ist super, das muss ich mir merken! 🙂
      Über Deine Nachricht freue ich mich sehr – vor allem, weil du dir Wolke liest obwohl keine Mama. Das macht mich irgendwie stolz. Ich dank Dir! <3

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