Mamasein

Im Stich gelassen.

Im Stich gelassen

Hallo liebe Wolke,
war das gestern vielleicht ein Sturm?
Ich hab dich gesehen, du bist wahnsinnig schnell geflogen. Wie gut, dass Wolken das gut aushalten. Im Moment weiß ich nicht so genau, ob ich es gut aushalte, dass die Zeit so schnell fliegt; wie Friederike gestern braust sie mir um die Ohren. Vielleicht werde ich wirklich alt. Oder die Tage mit meinem kleinen Leben sind einfach so vollgestopft, mit Emotionen, mit Begeisterung, mit kleinen Aussetzern, die ich der Wackelzahnpubertät zuschreibe (irgendwas ist ja immer) und mit so vielen Dingen, die mir manchmal komische Träume bescheren.
Leicht ist das Leben nicht immer, meine liebe Wolke, aber man sollte versuchen, es sich so lustig wie möglich zu machen.

Meine Freundin

Ich hatte eine Freundin, nein, ich habe sie immer noch, aber damals, vor dreißig Jahren, sind wir zur Grundschule gegangen. Wir saßen nebeneinander, wir spielten miteinander, wir spielten zusammen Blockflöte, wir aßen gemeinsam Schokolade, wir versteckten uns unter Büschen, wir taten uns gut. So wie man sich eben gut tut, wenn man einen Freund hat. Und einen wirklichen Freund zu haben, einen, mit dem man seine Welt ein Stück gemeinsam trägt, das ist nie schlecht. Da kann nämlich der dickste Orkan kommen und die Äste fliegen um einen herum, und man selbst ist ein bisschen beschützt. Durch die Freundschaft.

Ein gutes Zuhause

Meine Freundin, sie war genauso ruhig wie ich. Wir beide waren (und sind es noch) introvertiert; wir verstanden uns auch wortlos. Wir mussten gar nicht viel reden und konnten uns trotzdem wohl fühlen. Wir machten es uns auf die ruhige Art lustig.
Und meine Freundin wohnte bei ihren Großeltern. Ich fand das damals nicht merkwürdig, ich fragte auch als Kind nie so richtig nach, warum das so war – meine Freundin sprach nicht darüber und deswegen war es schon in Ordnung. Wie es war. Ich glaube, sie hatte ein gutes Zuhause bei Oma und Opa. Vielleicht war das Zuhause ein bisschen altbacken und ihre Oma kam mir damals schon wie hundert Jahre alt vor, mit ihrer grauen Dauerwelle und den lustigen Pullovern, an die ich mich gut erinnere. Dabei war sie vielleicht gar nicht älter als Ende Fünfzig.

Jedenfalls machten wir es uns alle lustig. Meine Freundin und ich, und die Oma mit ihren Pullovern. Irgendwas muss man ja im Leben finden, um es sich lustig zu machen.

Warme Gefühle

Meine Freundin war oft bei uns, sie fand es toll mit meinen Eltern und mit den Kindergeburtstagen, die wir feierten – und einmal wäre sie fast beim Würstchenwettessen erstickt. Da waren wir alle in heller Aufregung. Ein Glückspilz war meine Freundin nicht und ist es bis heute nicht geworden. Ich auch nicht. Seitdem jedenfalls veranstalteten wir keine Wettessen mehr. Aber manchmal kam meine Freundin mit in den Garten und wir spielten irgendwas. Was genau, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, es wird aber etwas Lustiges gewesen sein, denn mein Gefühl daran ist warm. Und die warmen Gefühle, das sind die guten. 

Meine Freundin allerdings, die hat nicht viel von den warmen Gefühlen ihrer Kindheit in die Welt des Erwachsenseins mitgenommen. Denn sie wurde im Stich gelassen.

Im Stich gelassen

Erst viel später erfuhr ich, dass sie niemand haben wollte. Ihre Mutter nicht. Ihr Vater nicht. Meine Freundin wurde einfach bei ihren Großeltern abgegeben. Im Stich gelassen. Aus- und abgesetzt wie ein kleiner Welpe, der mit großen, tränentrüben Augen denjenigen Menschen nachschaut, die eigentlich auf ihn hätten aufpassen müssen.

Seitdem ich Mutter bin, ist dieses Wissen für mich beinahe unerträglich. 
Es gibt sicher Gründe auf dieser Welt, die dazu führen, dass man nicht kann. Die Sache mit dem Kinderhaben. Und sein Kind liebhaben. Es mag Gründe geben, die dazu führen. Aber es gibt keine Gründe, die es rechtfertigen.
Nun hatte meine Freundin ja ein gutes Zuhause bei ihren Großeltern gefunden, und sie pflegte ihre Großmutter aus Dankbarkeit für dieses Zuhause bis zu ihrem Tod. Wenn sie von ihrer Oma spricht, dann liegt die Dankbarkeit vor ihr, man könnte sie anfassen und befühlen und feststellen wie groß sie ist. Wahrscheinlich ist jeder dankbar für sein Zuhause, aus dem man kommt, und das man für immer haben wird. Auch, wenn man es manchmal, im Alltag, schon mal vergessen kann.

Das innere Kind

Wenn man im Stich gelassen worden ist, dann ist es nicht so einfach, sich das Leben lustig zu machen. Auch später nicht. Daran haben ihre Eltern wahrscheinlich nicht gedacht, darüber haben sie nicht nachgedacht, als sie meine Freundin auf Nimmerwiedersehen mit ihrem kleinen Rucksack damals abgegeben haben. Weil sie nicht konnten. Und das kleine Mädchen mit den langen roten Haaren nicht wollten.

Wenn ich meine Freundin anschaue, dann sehe ich in ihr das kleine Kind. Das, mit dem ich spielte und das mich wortlos verstand. Das Mädchen, das ich immer für glücklich hielt und mit dem ich eine sorgenlose Kindheit teilte. Ihr kleines, inneres, Kind, das heute vor mir sitzt, das ist nicht weg. So wie auch mein kleines Kind, mein kleines Selbst, noch in mir wohnt. Irgendwo. 

Bloß: Meine Freundin kann ihr inneres Kind nicht beschützen. Es irrt irgendwo herum und sucht sein Zuhause. Auch, wenn sich das esoterisch anhören mag, aber so empfinde ich es, wenn ich meine Freundin ansehe. Sie kann ihr inneres Kind nicht bei der Hand nehmen, es umarmen und ihm sagen, dass sie es nie im Stich lassen wird. 

Erwachsen sein

Und ich würde das gern für sie übernehmen, aber das kann ich nicht. Erwachsensein bedeutet nämlich auch, sich selbst ein Zuhause geben zu können. Stattdessen drücke ich mein kleines Leben in so unendlich großer Dankbarkeit an mich und löse den Knoten im Bauch damit auf, wenn ich über die Geschichte meiner Freundin nachdenke.

Und während ich so umarmte und nachdachte und ich es uns allen lustig machte, weil das Leben nicht immer so ganz leicht ist, da wusste ich plötzlich, dass ich mein inneres Kind im letzten Jahr auch nicht beschützt habe. Es fühlte sich im Stich gelassen und saß voller Scham in einer kleinen, grauverstaubten, Ecke.
Da wusste ich endlich, was ich zu tun hatte.
Also umarmte ich nicht nur meine kleine Madita, nicht nur meine Freundin, sondern auch mich selbst. Mein kleines Selbst.

Und ich sagte ihm, es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht um dich gekümmert habe, ich werde für dich sorgen, denn ich bin ja jetzt groß, ich kann das, und ich brauche niemand anderes dafür. Nur mich. Die erwachsene Susanne.

Freunde sind was richtig Gutes, liebe Wolke. Sie können einen spiegeln. Und man kann in ihnen erkennen, was einem fehlt. Das ist eine tolle Sache, wie ich finde, und außerdem ist es nicht verkehrt, sondern sehr richtig, wenn man sich sein Leben so lustig macht, wie es eben geht. 

Ob mit Sturm. Oder ohne.

Danke, meine Wolke!


 

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