Mamasein

So ein Mist!

Hallo liebe Wolke,
sammelst Du was?
Ich eigentlich nicht. Weder Briefmarken noch Parfüm oder Strandgut, aus dem man später was basteln könnte, wenn man wollte. Worin ich allerdings ganz gut bin, ist: Erinnerungen sammeln. Und ich kann Dir sagen, da kommt ein ganz schöner Mist zusammen, der unterm Bett verstaubt.

Domizile

Vor viereinhalb Jahren bin ich mit einem vier Monate alten Säugling umgezogen. Ich wohnte in der dritten Etage, meine Wohnung war ein kleines Singledomizil mit wunderbarem Balkon und diese Wohnung war eben für ein Singleleben aus- und eingerichtet. Und als mein kleines Leben dann so ungeplant, und heißgeliebt, als neuer Mitbewohner diese Singlewohnung bezog, wurde mir schnell klar, dass ich allein weder die Energie noch den Willen besaß, die ganze Chose – wie Maxi Cosi mit kleinem Inhalt, Einkaufstüten mit großem Inhalt und so weiter – täglich mehrere Male in das Dachgeschoss zu wuchten. Wohnungssuche war angesagt; und zwar eine neue Bleibe im Grünen mit Kinderzimmer und ein bisschen mehr Platz. Ein Ein-Eltern-Domizil.

Irgendwann wurde ich fündig, was großes Glück war, denn als Alleinerziehende mit Baby ist man ein nicht allzu beliebter Mietanwärter. Damals war ich allerdings noch Angestellte eines mittelständischen, nicht gänzlich unbekannten, Unternehmens (schöne Grüße an dieser Stelle und besten Dank dafür, dass man mir nach der Elternzeit zu Hartz IV beglückwünschen durfte), was mir den erbitterten Kampf um den Wohnraum etwas erleichterte.

Großereignis

Was allerdings nicht ganz so leicht war: Mit einem viermonatigen Säugling umzuziehen. Umzüge sind ja so eine Klasse für sich. Ich habe dieses Großereignis früher immer dafür genutzt, um mal richtig auszusortieren und auszumüllen. In dem Fall war das nicht drin. Zeitmangel, Schlafmangel, Eisenmangel, Mangel an allem.
Also schmiss ich alles, was ich fand, in die Kartons und zahlte ein Heidengeld für ein Umzugsunternehmen, das mir sogar die Topfpflanzen trug. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Umzugsmorgen, als ich stillend in der Morgendämmerung auf meinem Sofa saß und mich mit ein paar Kullertränen von meiner Wohnung, die ich sehr ins Herz geschlossen hatte, verabschiedete. Bloß all dem überflüssigen Zeug konnte ich nicht Lebwohl sagen. Das kam mit. Und verteilte sich in meiner neuen Wohnung.

Das Verteilte

Und so lag es da. Das Verteilte. Weil ich irgendwie immer weniger Zeit hatte, je älter mein kleines Leben wurde, vielleicht kam es mir auch nur so vor – und dieses Verteilte vergaß ich irgendwann. Oder ich verdrängte es. Kann auch sein. Aber neulich stapfte ich in den Baumarkt, kaufte eine ganze Ladung großer Müllsäcke und beschloss, dem Verteilten den Garaus zu machen. Erst drehte ich jedes kleinste Körnchen um und überlegte, ob ich es noch benötige, man weiß ja schließlich nie, und mit einem reichen Geldsegen bin ich gerade auch nicht befreundet. Aber so langsam, so aus dem Hinterhalt, schloss ich plötzlich Frieden mit all dem Firlefanz und der Dekoration und den alten Zettelchen, auf die zwei oder drei jemande „Ich liebe Dich!“ geschrieben hatten. Ich warf sie weg.

Ich warf sie nicht im Zorn weg, so wie letztes Jahr, als ich alles vernichtete, was mich auch nur im Entferntesten an eine Person hätte erinnern können – sogar die Glühbirnen tauschte ich letztes Jahr aus, schraubte die Deckenleuchte ab und schmiss das zuletzt benutzte Handtuch fort. Vor rasendem Zorn und Herzschmerz. Vielleicht etwas übertrieben, aber so ist das manchmal.

All das aber, was ich vor ein paar Tagen aussortierte und, ja fast zärtlich, in die Müllsäcke legte, entrümpelte ich, weil es sich richtig und gut anfühlte. Weil ich mich trennen konnte und alles eben seine Zeit hat. Und weil ich mir selbst endlich die Zeit gestattete, um das Verteilte aus meinem Leben zu lassen.

Ach ja!

So reise ich nun weiter mit sehr leichtem Gepäck und das tut ziemlich sehr gut. Ich habe ein, zwei Dinge wiederentdeckt, an die ich mich gar nicht mehr erinnern konnte, und sie zu finden, das war schön. Da war kein wehmütiges Draufblicken, sondern ein „Ach ja! Oh, schön!“. Und ich finde, diese Dinge, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern, die dürfen ruhig bleiben.

In einer wirklich sehr, sehr, sehr alten Handtasche, die ich aus Nostalgiegründen immer mitschleppte, von einem Ort zum anderen, habe ich ein paar Münzen gefunden. Deutsche Mark Münzen, 14 Pfennige. Vielleicht bin ich ja reich, weil es sehr, sehr seltene Sammelmünzen sind. Oder sowas. Könnte ja sein, das Leben steckt nämlich immer voller Überraschungen, wie ich gelernt habe.

Nur das Sammeln, das werde ich trotzdem nicht anfangen, meine Wolke, denn Dinge, die man nicht mehr braucht und von denen man sich ganz leicht und ohne Kullertränen verabschieden kann, die sind nur Ballast.

Und die besonders wichtigen Dinge, die sind sowieso immer da. In einem drin, im Herz, und da sind sie gut aufgehoben.

Flieg leicht und beschwingt heute, liebe Wolke!

Magst du den Beitrag teilen?