Kind

Suppenkaspar 2017 (Oder: „Das Kind MUSS doch was essen!!“)

Suppenkaspar Kürbis Hokkaido

Hallo liebe Wolke,
möchtest du eine Geschichte hören?
Es war einmal:
An einem sonnigen Herbsttag schlenderte ich durch die Gemüseabteilung des Supermarktes und hörte plötzlich eine Stimme:
„Kauf mich! Kauf mich! Ich bin ein Hokkaidokürbis! Ich bin unfassbar lecker! Kauf mich! Kauf mich!“
Ganz entzückt landete der Kürbis in meinem Einkaufswagen und ich spazierte frohen Mutes mit ihm nach Hause. Ach! Was würde er für eine leckere Suppe werden!
Der Hokkaidokürbis und ich freuten uns sehr.
Und auch mein kleines Leben war völlig begeistert, wiegte den kleinen ‚Hokki‘ in den Armen, streichelte ihn sanft und strahlte:
„Wir kochen gemeinsam eine Kürbissuppe! Au ja, Mama!“

Mythos

Meiner bescheidenen Erfahrung nach gibt es genau zwei Sorten von Kindern:
Die, die alles essen. Und die, mit denen sich die Mahlzeiten in so etwas wie Alpträume verwandeln – die, die mit einem langgezogenen „Wäääh!“ vor dem Teller sitzen und die liebevoll kreierten und dekorierten (gesunden) Speisen angeekelt ansehen, als würden Heuschrecken und Speckmaden drauf rumkrabbeln. Ich bin sicher, es gibt diese Kinder, die alles mit dem gönnerhaften Blick eines Gourmets verzehren, was Mama ihnen vorsetzt. Ich bin ihnen oder ihren Einhornhaustieren zwar noch nicht begegnet, aber ich bin sicher: Es gibt sie.

Meine Tochter gehört eher zu der Gruppe, die sich an den Tisch setzen und beim Anblick von Grünzeug (und sei es noch so mikroskopisch klein) fast in Ohnmacht fallen.

Ein Traum

So schnibbelten wir die Kartoffeln und Möhren klein, die ebenfalls in die delikate Kürbissuppe gehörten, und Hokki höhlten wir aus, um daraus später noch eine Halloweendekoration für den Balkon zu gestalten. Wenn man Kinder hat, wird man nicht fertig mit diesem DIY-Bastelwahn und alles, aber auch wirklich alles, kann man immer (wirklich immer) noch zu irgendetwas verarbeiten, das man ans Fenster pappen oder als Adventskalender verwenden kann. Alles. Ehrlich.

Die Suppe köchelte, es duftete herrlich, die ganze Küche wurde in orangerotes Licht gehüllt; Mensch, was freuten wir uns alle auf die Suppe. Toll.

Und dann, irgendwann, stand sie vor uns: Ein Traum.
Ja, ich will nicht übertreiben – und jeder, der mich kennt, weiß, dass ich sowohl im Basteln als auch im Kochen eine absolute Nullnummer bin – aber für diese Kürbissuppe hatten sich der Aufwand und die herumfliegenden Kürbiskerne gelohnt.

Suppenkaspar

Meine Tochter, die mir während der letzten zwei Stunden immer wieder hoch und heilig versprochen hatte, dass sie die Kürbissuppe AUF JEDEN FALL essen würde, saß am Tisch, vor der dampfenden Suppe (Schnittlauch hatte ich SELBSTVERSTÄNDLICH auf ihrem Teller NICHT verwendet!) hielt sich theatralisch die Nase zu, drehte angwidert den Kopf zur Seite und fragte:

„Und was gibt es jetzt für mich zu essen?“

Da war der Punkt gekommen, an dem ich beinahe laut geschrieen, mir die Haare gerauft und sie zum Essen gezwungen hätte. Beinahe. Habe ich natürlich nicht. Aber ein Alternativangebot, das vorzugsweise aus Kartoffelbrei, Nudeln, Reis, und/oder Fischstäbchen, Rührei, Würstchen bestand, das hatte ich für meinen Suppenkaspar diesmal nicht parat. Denn: ICH KANN ES NICHT MEHR SEHEN! Geschweigedenn essen.

Sorgen!

Irgendwann, nach einer gewissen Zeit, fängt man an, sich Sorgen zu machen. Das Kind kann doch nicht nur und ausschließlich von einer Variation aus maximal vier Ingredienzien überleben. Da bricht doch morgen Skorbut aus. Oder was auch immer. Verdammt noch mal, ich mache mir so viele Gedanken, auch um das einigermaßen gesunde Essen, da wird es doch wohl zu schaffen sein, dass man wenigstens mal was probiert.
Schafft man aber offensichtlich nicht, wenn man vier Jahre alt ist und zu den mäkeligsten Essern dieser Welt gehört. Herrje.

Lösung?

Albern zu sein und sich selbst zum absoluten Hampelmann zu machen, das kann manchmal in diesen auswegslosen Situationen helfen. Habe ich festgestellt. Zum Idioten machen, das konnte ich in meinem bisherigen Leben ganz gut, da fällt es mir für mein Kind nicht allzu schwer; also fing der pürierte Hokki wieder an zu sprechen:

Ein Gespräch mit Hokki unter vier Augen.

„Hallo rmpf rmpf…hier ist Hokki!“, sprach die Suppe.
„Mensch, was hast du dir viel Arbeit gemacht! Das finde ich toll! Jetzt, hey, jetzt bin ich total süß und ein bisschen würzig und totaaaal lecker geworden! rmpf rmpf

Mein kleines Leben hielt ihren kleinen Finger in die Suppe (keine Sorge, sie war nur noch lauwarm) und leckte ihn ab.

„Und? Was sagste?“, sprach Hokki.

Mein kleines Leben nahm den Löffel in die Hand.

„Toll, ne?“, fragte Hokki.

Meine Tochte wagte es und befüllte die Löffelspitze mit Suppe.

„Hui!“, begeisterte sich Hokki.

Und Madita fand eine nicht pürierte Zwiebel.

Ende der Geschichte durch stümperhaften Anfängerfehler.

Tja.

Ich gebe die Geschichte mit dem gesunden Essenlernen nicht auf. Die Vorstellung, dass meine Tochter sich mit dreißig immer noch ausschließlich von Kartoffelbrei und Fischstäbchen ernähren wird, treibt mir die Schweißperlen auf die Stirn. Aber anders als im Struwwelpeter glaube ich zu wissen, dass Kinder nicht freiwillig verhungern. Wie der Suppenkaspar. Und das, liebe Wolke, beruhigt mich dann doch ein bisschen.

Später haben wir Hokki dann noch ein lustiges Gesicht verpasst und er steht nun auf unserem Balkon und macht die Oktobernacht ein bisschen hell. Und wer weiß: Bestimmt wird es nächstes Jahr was mit dem Traum von der Kürbissuppe.

Flieg schön, meine Wolke!

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