Alleinerziehen, Mamasein

Vorsicht! Hass!

Hallo liebe Wolke,
der Vollmond ist toll, oder?
Ich würde gerne wissen, ob du eine von den Wolken bist, die gerade durch das silberne Mondlicht fliegen und dann wieder im Nachthimmel verschwinden. Schön sieht das aus. Es ist gut, wenn man das Schöne erkennen kann. Immer und in jeder Situation. Das ist eine Gabe, die sollte man sich gut aufbewahren. In einem Schatzkästchen mit Muscheln drauf und rotem Samteinschlag. Zum Beispiel.

Muschelschatzkästchen

Ich bin froh, dass die Feiertage vorbei sind. Obwohl sie wirklich viel schöner waren, als ich vorher angenommen hatte, und ich wieder einige der schönen Erinnerungsdinge in mein Muschelschatzkästchen legen konnte. Mein kleines Leben steckte mich mit ihrer Weihnachtsaufregung an – und das war herrlich. Irgendwann glaubte ich selbst fast, das Christkind am Himmel gesehen zu haben. Ist das nicht seltsam? Vielleicht gibt es das Christkind ja doch und wir haben seine Existenz im Laufe der Jahre einfach nur vergessen. Das kann nämlich passieren. Das mit dem Vergessen. 

Friedlichkeit

Mein kleines Leben aber; sie ist talentiert, was das Erinnern angeht. Am Silvesterabend konnte sie sich zuerst daran erinnern, wie das Schlafen funktioniert. Um 21 Uhr herrschte hier eine andächtige Ruhe und auf unserem Sofa lag die Friedlichkeit. Schlafende Kinder sind das: friedlich. Ich glaube, ich habe nie etwas Schöneres gesehen als ein, mein, schlafendes Kind. So ein kleines Bündel aus friedlicher Unschuld. Sie weiß gar nicht, wie oft ich schon neben ihr saß und wusste, dass da nichts mehr Schöneres kommen kann. Das ist schlichtweg unmöglich. Es mag sich pathetisch oder übertrieben anhören, und oft bin ich einfach nur froh, wenn sie es ins Land der Träume geschafft, und ich mir ein bisschen Luft fürs Atmen verdient, habe, aber schöner ist nichts.
Manchmal würde ich gern wissen, wie ich beim Schlafen aussehe.

Pupsende Riesen

Das Feuerwerk weckte sie und meine Madita hatte so eine Heidenangst vor dieser, für mich unsinnigen, Böllerei, dass sie sich vor Schreck in die Hose machte. Selbst Geschichten über pupsende Riesen (und die Pipi-Kaka-Pups-Phase ist hier immer noch nicht vorbei, so dass ich dachte, das wäre bestimmt der – Obacht! – „Knaller“) halfen nicht. Ich redete über eine Dreiviertelstunde lang mit Engelszungen auf mein sensibles Kind ein, hielt sie im Arm, beschützte sie, und hoffte darauf, dass unseren Nachbarn bald die Raketen ausgingen.

Irgendwann war der Zauber leiser geworden. Wir saßen in ihrem Bett, zusammengeknuddelt unter einer dicken Decke, Elmo ließ die Beine über die Bettkante baumeln und ich wünschte mir ein kleines bisschen Schlaf. Ich wünschte mir außerdem eine Ablöse, die ja nicht kommen würde. So wie die letzten fünf Jahre nicht. Manchmal ist dieser, mein Wunsch groß. Sehr groß sogar. Einmal jemand anderes schicken, der ihr eine Gutenachtgeschichte vorliest. Einmal jemand, der ihre kindlichen Launen/Phasen erträgt, denn sie ist nicht immer die schlafende Friedlichkeit, und einmal jemand, der genauso wenig weiß, ob man das mit der Erziehung richtig macht. Einmal jemand, der sie vom Kindergarten abholt, der mit ihr spielt, der ihr Essen kocht, der ihre Mütze sucht, der mit ihr einkauft, zum Arzt geht, der ihr sagt, es wird jetzt geschlafen. Aber da ja nun Silvester vorbei war, hatte meine kleine Tochter es wieder vergessen. Das mit dem Schlafen.

Kartenhaus

Dafür erinnerte sie sich in dieser Nacht wieder an etwas anderes.
„Ich freue mich schon darauf, Mama, wenn O. nächstes Jahr wiederkommt. Ich vermisse ihn so sehr.“
Mein Kartenhaus, das ich mir in mühevoller Kleinstarbeit und mit zitternder Hand zum Abbau meiner Selbstvorwürfe windschief gezimmert hatte, brach in diesem Moment über mir zusammen. 

Meine Tochter war genau zwei Jahre alt, als O. in unser Leben trat. Sie war fast genau vier Jahre alt, als er wieder verschwand. Das ist eine Zeit, die für Kinder mit einem erwachenden Selbst unglaublich intensiv ist. So erkläre ich es mir jedenfalls, dass sie einfach nicht vergessen kann. Sie tut mir so unendlich leid. Sie tut mir so leid, dass es mir bis in die Fingerspitzen weh tut.

„Er ist ja jetzt weit weg. In Amerika. Oder in Afrika? Mama?“
„Amerika.“
„Ja, aber da kann man mit dem Flugzeug hin. Das weiß ich. Können wir das machen, Mama? Oder ruf O. doch mal eben kurz an, ja?“

Hass

Wie soll ein Mensch das ertragen, ohne nicht doch alle guten Vorsätze zu vergessen, die man in das windschiefe Kartenhaus gelegt hatte? Für mich persönlich wäre das Kapitel nach einem Dreivierteljahr im Aktenschrank eingeschlossen worden. Für meine Tochter funktioniert das nicht.Und deswegen stieg etwas in mir hoch: Hass. Blanker, entsetzlicher Hass.

Als mein kleines Leben endlich eingeschlafen war, in dieser Neujahrsnacht, war ich hellwach. Das passiert mir selten. Wenn man eine Tochter hat, dann schafft man es nicht, sein Herz zum Lüften aufzuhängen, wenn man weiß, es fehlt ihr was. Kurz dachte ich darüber nach, ihm einen Brief zu schreiben, aber das würde ich selbstverständlich nicht tun. In meinem Kopf jedoch schrieb und schrieb ich. Alles, was ich schrieb, diente nur einem einzigen Zweck: Mein kleines Leben zu beschützen. Und zu dem ganzen Löwenmuttergebrüll, gepaart mit Hass, gesellten sich meine Selbstvorwürfe: Warum nur hatte ich das überhaupt getan?

Hoffnung.

Vielleicht war ich damals zu selbstsüchtig, liebe Wolke. Vielleicht war mein Wunsch nach dem „Einmal jemand, der…“ zu groß, vielleicht war es mein Wunsch, auch für mich wieder jemanden zu haben. Aber auch für uns: Für meine Tochter und für mich. Ich konnte doch nicht wissen, wie diese Geschichte enden würde. Ohne Happy End.

Ich hoffe, mein kleines Leben wird eines Tages vergessen können.

Und obwohl ich nicht wirklich gläubig bin, bat ich in dieser Nacht den lieben Gott um das Vergessen – und kam mir direkt danach blöd vor. Aber wen soll ich denn sonst darum bitten? Eines Tages wird im Muschelschatzkästchen meiner kleinen Tochter hoffentlich nur noch so etwas wie eine gute Erinnerung an jemanden liegen, von dem sie nicht mehr weiß, wer es war. Das wünsche ich mir.

Für mich wünsche ich mir, dass ich meine Madita nie wieder vor so etwas bewahren muss. Und dass ich in meinem Leben nie wieder solchen Hass empfinden werde. Denn schön war das nicht. Und es ist doch so wichtig, sich das Schöne aufzuheben!
In einem kleinen Schatzkästchen, nämlich, mit Muscheln drauf. Und rotem Samteinschlag.

Flieg doch mal bitte kurz am Vollmond vorbei, meine Wolke, damit ich dich erkennen kann!


 

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